Carolyn Jessop (mit Laura Palmer): „Gefangene im Namen Gottes“

Heute nun widme ich  mich endlich dem angekündigten Buch „Gefangene im Namen Gottes“ der ehemaligen Sekten“insassin“ Carolyn Jessop.

Schaut man auf di e innere Umschlagseite liest man folgende Worte:

„Carolin Jessop wird in eine Polygamistensekte hineingeboren. Als junges Mädchen muss sie einen 50-jährigen Mann heiraten, der schon drei Frauen hat und ihr das Leben zur Hölle macht. Genau wie die anderen Frauen der Sekte verfügt sie über kein eigenes Geld, darf ihren Beruf nicht frei wählen und muss akzeptieren, dass ihr Mann mehrere Frauen hat. In 15 Jahren bekommt sie acht Kinder. In ihrer Verzweiflung bleibt ihr nur ein Ausweg: Bei Nacht und Nebel wagt sie mit ihrern Kindern die Flucht.“

 

Mit diesen Worten ist die Handlung des Buches bereits gut umrahmt. Im Fokus der Schilderungen steht das Leben von Carolyn, deren Familie seit mehreren Generationen in dieser Sekte lebt. Die FLDS – im Deutschen heissen sie : Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten  Tage (FHLT) – in ihrer Ge meinschaft im amerikanischen Grenzgebiet zwischen Arizona und Utah.

Im knapp zehnseitigen Vorwort umreisst Carolyn Jessop ihre Geschichte und bereits hier wird klar, dass sie, um leben zu können, keine andere Wahl hatte, als das hohe Risiko der Flucht einzugehen.  Auch thematisiert sie bereits hier das hinderliche Verhalten ihrer Tochter Betty, die mit dem Szenario der Flucht absolut nicht einverstanden ist und wie eine Furie auf die Aktion reagiert: „Du stiehlst uns! Mutter, du stiehlst uns!…“ (S. 15) und „Wir gehören dir nicht! Wir gehören dem Propheten! Du hast kein Recht auf uns.“ – Mit diesen Worten geht Betty auf ihre Mutter los und lässt sich kaum beruhigen und von logischen Argumenten der Mutter überzeugen. Dem ist an dieser Stelle hinzuzufügen, dass Betty auch heute noch in der Sekte lebt und nur noch spärlichen Kontakt zu ihrer Mutter hat.

 

Dieses Buch beginnt, wie jede Lebensgeschichte, mit der Geburt von Carolyn im Februar 1968. Schon in den ersten Sätzen wird klar, dass die Männer in der polygamistischen Sekte das Sagen haben: „Mein Vater sagte, sie könne mich Carolyn oder Annette nennen.“ (S. 17)

Auch ihre nicht gerade von Liebe gepräge Kindheit wird thematisiert: „Doch die Leute sahen nur die äußere Fassade. Zu Hause war Mutter depressiv und launisch. Sie schlug uns fast jeden Tag. Das ging von ein paar leichten Klapsern auf den Po bis zur ausgiebigen Züchtigung mit dem Gürtel. Einmal verprügelte sie mich dermaßen, dass ich mehr als eine Woche am ganzen Rücken und an den Beinen blaue Flecken hatte.“ (S. 20)

 

Während Carolyn Jessop ihr Leben in der Sekte schildert (mit allen kleinen Höhen und riesigen Tiefen), geht sie auch immer wieder auf die Entwicklung der Sekte ein – von dem doch noch recht „freien“ Sektenleben ihrer Kindheit bis hin zu dem Leben unter dem fanatischen Sektenführer Warren Jeffs (dieser ist im August 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt worden: Artikel hier).

 

Am Ende ihres Buches beschreibt Carolyn, dass ihr Ex-Ehemann Merril Jessop auch noch im Jahr 2005 versucht hat, ihre Kinder zu beeinflussen: „Am 20. Dezember 2005 wurde Arthur 18 Jahre alt. Merril befahl im, sich von allem zu trennen, was er besaß, und in die FLDS zurückzukehren. Arthur weigerte sich. Diese Religion sei sehr seltsam geworden, sagte er zu seinem Vater.“ (S. 430)

 

Carolyn Jessop sagte 2008 auch vor dem Justizausschuss des Senats aus und sprach über ihre Erfahrungen – und die Erfahrungen, die wohl vor ihr und nach ihr noch  mehrere Frauen und Kinder in der Sekte gemacht haben.  „Eine komplexe und vermögende kriminelle Organisation…Der Mehrheitsführer des Senats verglich die Polygamie mit dem organisierten Verbrechen. Unglaublich.“ (S. 432)

Sie schildert auch die anderen kleineren Erfolge, die sie errungen hat, wird jedoch nicht müde, sich um ihre Tochter Betty Sorgen zu machen und zu hoffen, dass Sie den Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben findet – ohne die Sicht auf ihre Religion „durch die rosarote Brille“. Denn obwohl Carolyn durch ihre Erfahrungen der Sekte entflohen ist und heute ein glückliches Leben führt (u.a. ein Folgebuch über ihre Erfahrungen und das Leben danach, hier gibts nähere Infos), gab es Zeiten, in denen sie diese Religion in Ordnung fand.

 

Schaut man mal nach Amerika (oder in eine Ausgabe der Leipziger Volkszeitung von letzter Woche) wird einem wieder einmal bewusst, dass auch der amerikanische Kandidat der Republikaner Romney ein Mormone ist. Zwar scheint er nicht dieses fanatische Lebensbild, das Warren Jeffs gelebt  und gepredigt hat, zu leben. Allerdings wurde auch in der LVZ nur auf die „nennenswerten“ und „geschönten“ Angaben über die Mormonen kurz eingegangen. Natürlich gab es seit der Verhaftung von Warren Jeffs Änderungen (z.B. auch Razzien) in der Organisation – die hoffentlich auch zu einem besseren Leben aller Betroffener führen…

Dennoch darf man die Augen nicht davor verschließen, dass es auch in heutiger Zeit solche Systeme gibt und Menschen, die andere ausnutzen…

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3 Antworten zu Carolyn Jessop (mit Laura Palmer): „Gefangene im Namen Gottes“

  1. Kathrin schreibt:

    Deine erste Buchrezension – wie schön 🙂 Wirklich gut gelungen – liest sich toll. Da merkt man, dass du Ahnung vom Rezensieren hast 😉 (was man, wie man zu geben muss, leider nicht von allen Buchbloggern behaupten kann). Ich freu mich auf mehr von dir und hoffe, dein Blog wächst noch gewaltig!

    Liebe Grüße von EF nach LE 🙂

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  2. marcus sickel schreibt:

    FLDS hat nichts zu tun mit der großen LDS, mit dem Hauptsitz in Salt Lake City. Romney ist Mitglied der Church of Jesus Christ of Later Days Saints, nicht der FLDS. Sonst gute Kritik, aber leider nicht gründlich recherchiert.

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