Carolyn Jessop: „Triumph“

Mit dem geteilten Untertitel „Life after the Cult – A Survivor’s Lesson“ erschien 2010 das zweite Buch der ehemaligen „Sekteninsassin“ Carolyn Jessop. Bereits auf den ersten Blick fällt der Unterschied zwischen diesem und dem ersten Buch auf. Sind auf dem ersten Buchcover dunkle Farben dominierend und zeigen Hände, die ein Portrait eines Kindes halten, so sieht man auf dem Cover von „Triumph“ goldene Herbsttöne (könnte auch Frühjahr sein) und eine Frau, die nach langen negativen Erlebnissen ihr Glück und ihre Liebe gefunden hat. Sie sieht zufrieden und ausgeglichen aus – einfach eine Frau, die die positiven Seiten ihres neuen Lebens genießt, auch wenn die Anfänge schwierig waren.

„I was elated when Escape was published, staggered when it went as high as number two on the NYTimes nonfiction best-seller list, and utterly convinced that that was the end of the story. My Children and I were enjoying our freedom and flourishing in our new lives.

Then on April 3, 2008, I abruptly collided with the past I thought I’d put so firmly behind us.“ (S. XI)

Carolyn Jessop erzählt über die stattgefundene Razzia, bei der Eltern von ihren Kindern getrennt wurden. Dies hört sich zunächst brutal an, jedoch war das eigentliche Ziel, den Kindern und ihren Müttern (wenn sie es denn wollten) ein neues Leben zu ermöglichen und ihren Kindern Schutz zu bieten, den sie innerhalb der Sekte nicht hatten.

Es wird auch Einblick gegeben in die Denkweise der Sektenmitglieder der FLDS, die doch ziemlich merkwürdig anmutet. Das hat mitunter auch damit zu tun, dass die Kinder der FLDS-Mitglieder keine öffentlichen Schulen besuchen dürfen und, wenn überhaupt, meist nur zu Hause unterrichtet wurden. Sieht man sich dann allerdings die Schulbildung der Eltern an, sind Zweifel angebracht.

Im Umfeld der Razzia wurden natürlich auch die Medien auf die FLDS aufmerksam und es wurden unter anderem Interviews mit den „verzweifelten Müttern“ geführt. Carolyn Jessop geht hier auf ein Interview mit einer ehemaligen „Mitfrau“ ein. Es handelt sich um ein Interview, bei dem auch Carolyn befragt wurde (sie war per Telefon zugeschaltet).

Liest man die Worte der FLDS-Mitfrau Cathleen, dann kann man eigentlich gar nicht anders als mit Unverständnis und Kopfschütteln zu reagieren:

„Cathleen: So, we need the public to know that an injustice has been done against us. […] we are being treated like the Jews where when they were escorted to the German Nazi Camps.

CNN: You’re saying you are being treated like people sent to concentration camps?

Cathleen: Yes, we have been treated that way in a country that professes to be free, in the land of the free and the home of the brave. And we have been persecuted for our religion.

CNN: Just for accuracy’s sake, do you actually know what happened to the Jews during World War II? Because it does not seem to be the same, just factually speaking.

Cathleen: I do. I do. I am forty-two years old. I’m very studied in history. I have a college degree.“ (S. 22)

 

Carolyn Jessop geht auch auf ihre Aussagen vor Gericht ein, die sie gegen die FLDS und deren Mitglieder tätigte. Ebenfalls beleuchtet sie die Bemühungen ihrer in der FLDS verbliebenen Stiefkinder ihre Familie und sie zu überreden (bedrohliche Ansagen trifft es vielleicht eher), nicht vor Gericht auszusagen.

Besonders eindrucksvoll wird dieses Buch durch die Fotos, die abgebildet wurden. Carolyn sagt auch, dass zum Zeitpunkt der Razzia auf der FLDS-Ranch die meisten Amerikaner das erste Mal mit der Sekte in Berührung kamen und von ihr durch die mediale Darstellung erfuhren. Wenn man die Macht der Medien bedenkt, ist es nicht verwunderlich, dass viele Amerikaner Mitleid mit den Darstellungen der „leidenden“ und „verwirrten“ Mütter hatten, die ihre Kinder wiederhaben wollten. Dabei machten sie sich wahrscheinlich nicht so schnell die Arbeit, sich um Hintergrundinformationen zu bemühen.

 

Was ich als Leserin auch noch als erschreckend feststellen kann: die Tatsache, dass die FLDS-Kinder damals (ich weiss ja nicht wie es jetzt 4 Jahre später aussieht) keinen Kontakt zu Tieren hatten. Carolyn Jessop beschreibt einen Tag in einem Heim, wo die Kinder ihre Zeit verbrachten. Nachdem sie sich den Hunden genähert hatten (die Kinder hatten danach gefragt, einen Hund sehen zu dürfen) benahmen sie sich endlich mal wie „echte“ Kinder und interagierten mit den Tieren – so wie es eigentlich auch normal sein sollte. Carolyn erläutert auch die Hintergründe, wieso Hunde aus dem Leben der FLDS verbannt wurden. Ein Junge wurde in den 1990ern von dem Hund seines Stiefvaters angegriffen und getötet – und seit dieser Zeit hat kein FLDS-Kind je wieder einen Hund gesehen.

 

Im zweiten Teil des Buches geht Carolyn Jessop auf ihre „Hilfsmittel“ ein, die ihr erlaubt haben, einen starken und eigenen Willen zu behalten und letztendlich auch die Flucht begünstigt haben. Hierunter zählt sie Selbstrespekt, ihre eigenen Ziele und Lebensregeln (die Kraft des Wortes „Nein“/ eigene Standards setzen/ sich an seine Kräfte halten/ nicht perfekt sein zu wollen, sondern so gut wie man kann/ alles zu tun, um die zu schützen, die man liebt), einen Platz zu haben, an dem man inneren Frieden findet und die Tatsache, dass auch Fremde einem Nettes entgegenbringen können – und man es verdient!

 

Alles in allem ein würdiges Nachfolgebuch, dass einem die große Persönlichkeit, die Carolyn Jessop ist und hat, näherbringt und auch noch einmal die Kraft spüren lässt, die es braucht, aus einer mental abhängig machenden Sekte zu fliehen.

Viele Frauen haben es nicht geschafft, auszubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Man kann für sie nur hoffen, dass sie später im Leben ihre Entscheidung zu bleiben nicht bereuen – und das ihre Kinder es einmal besser haben werden und nicht unter einer Gesellschaft (sofern man die FLDS als Gesellschaft bezeichnen kann) leiden müssen, die ihre Anhänger und Gläubigen mental ausbeutet.

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