Wenn die Zeit einem keine Wahl lässt: Pam Jenoff’s „Der Kommandant und das Mädchen“

Bereits in meinem letzten „Zu Empfehlen…“-Artikel habe ich euch auf den Roman „Der Kommandant und das Mädchen“ von Pam Jenoff aufmerksam gemacht.

Heute nun möchte ich euch dieses wunderbare Buch ein wenig näher vorstellen:

 

„Als wir den weitläufigen Marktplatz überqueren, auf dem sich Tauben rund um die abgestandenen Pfützen scharen, betrachte ich argwöhnisch den Himmel. Ich greife Lukasz‘ Hand noch etwas fester, um den Jungen zur Eile anzutreiben. Ein erster Regentropfen verfängt sich in seinen blonden Locken. Gott sei Dank, dass es wenigstens blonde Locken sind.“ (S. 11)

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In diesen Anfangszeilen begegnen wir einer jungen Jüdin. In Rückblenden erzählt sie, wie sie ihren Ehemann Jakub kennengelernt hat und wie sie schließlich heirateten.

„“Wir leben in einer Zeit der Ungewissheit“, […] Aber ich weiß, egal, was uns erwartet, ich möchte meinem Schicksal gemeinsam mit dir begegnen. Würdest du mir die Ehre erweisen und meine Frau werden?– „Ja“, hauchte ich, als er den silbernen Ring mit einem eingefassten winzigen Diamanten über meinen linken Ringfinger schob.““(S. 21)

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Doch die Zeiten ändern sich. Emma verliert, wie viele zur damaligen Zeit, ihre Arbeit und ihre Eltern werden von den deutschen Besatzern in ein Ghetto verschleppt. Zudem muss sie mit ansehen, wie die schwangere Frau des ansässigen Rabbis vor ihren Augen und vor den Augen ihres Jungen (Lukasz) und ihres Mannes erschossen wird.

Die Grausamkeiten sind für die junge Frau fast unerträglich. Noch dazu ist die junge Frau von ihrem Mann getrennt, der für den Widerstand arbeitet.

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Doch Emma hat Glück im Unglück. Sie wird in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Ghetto begfreit und findet Unterschlupf bei Krysia – der Tante ihres Mannes.

„Krysias warmherzige Begrüßung erschien mir damals ausgesprochen ironisch, da sie nicht mal Jüdin, sondern eine strenggläubige Katholikin war. […] Mir wurde schnell klar, wieso Jakub seine Tante so bewunderte. Ihre Mischung aus Eleganz und unberechenbarem Temperament war einfach unwiderstehlich. […] Angesichts ihrer stattlichen Erscheinung schämte ich mich für meine abgetragene Kleidung und mein zerzaustes Haar, doch sie nahm meine Hand, zog mich zu sich ins Haus und schloss mich in ihre Arme.“ (S. 68-70)

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Um ihre wackelige Sicherheit nicht zu gefährden, bekommt Emma neue Papiere und nennt sich ab diesem Zeitpunkt Anna. Anna Lipowski. Auch ihre Identität als Gläubige wird umgekrempelt: sie ist nun laut den Papieren keine Jüdin mehr, sondern katholische Polin. Und Jakubs Tante Krysia fungiert nun auch als ihre Tante.

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Nach einer Weile beginnt auch sie für den Widerstand zu arbeiten und nimmt eine Arbeit als Sekretärin beim hochrangigen deutschen Kommandanten Georg Richwalder an. Nach und nach verlangen die Mittelsmänner des Widerstandes auch Aufgaben von Anna: das Entnehmen von Passierscheinen, die Suche nach interessanten Details zu zukünftigen Aktionen der Nazis.

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Anna fühlt sich immer mehr zu ihrem eigentlich verhassten Arbeitgeber hingezogen und soll auch seine Nähe suchen, um an Informationen zu gelangen. Sie wird immer vertrauter mit dem Kommandanten und er ist ebenfalls von ihr fasziniert.

Auf Anraten des Widerstandes beginnt Anna eine Affäre mit Georg Richwalder, der diesem Lauf der Dinge sichtlich zugetan ist.

Allerdings hat Anna nie ihre Eltern vergessen, die im Ghetto ihr Dasein fristen müssen – und schon bald tauchen Pläne auf, die die zukünftige Schließung des Ghettos beinhalten…

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Anna erfährt außerdem von der ersten Frau des Kommandanten: Margot. Sie hat sich das Leben genommen. Sie war eine Halbjüdin – und der Kommandant hatte sich geweigert, ihren Vater zu retten. Aus Angst, ihre Identität zu verraten und sie ebenfalls zu verlieren. Verloren hat er sie. Sie und ihr ungeborenes Kind.

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Die Affäre zwischen Richwalder und Anna nimmt neue Ausmaße an, als die junge Frau entdeckt, dass sie schwanger ist…

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* Wird Anna das Kind behalten?

* Wie reagiert der deutsche Kommandant auf diese Neuigkeiten?

* Was, wenn er erfährt, dass Anna ihn die ganze Zeit angelogen hat?

 

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„Der Kommandant und das Mädchen“ ist ein mitreißendes Buch, das den Leser nicht unberührt zurücklässt.

Sicher ist man als erstes einmal in einer eher abgeneigten Haltung dem deutschen Kommandanten gegenüber, lässt diese Wand allerdings schnell ein wenig einfallen.

Sicher hat man die Greueltaten der Nazis in den Zeiten der Herrschaft Hitlers im Hinterkopf, dennoch kommt man nicht umhin, Sympathien für alle Charaktere des Buches zu entwickeln – so auch für den Kommandanten.

Georg Richwalder ist – wie auch Anna/ Emma – ein von der Zeit überrumpelter Charakter.

Er ist in den Kommandantsposten gesetzt worden und hat ihn ohne zu Murren übernommen, auch wenn im Buch mehrfach deutlich wird, dass er dem was er tut/ tun muss, zwiegespalten gegenübersteht.

Er ist viel in Erinnerungen an die Vergangenheit versunken und doch in der Beziehung zu Anna hoffnungsvoll und glücklich.

Diese Beziehung, die eigentlich nicht sein darf, gibt ihm den Halt, den er braucht und den er seit dem Tod seiner Frau (oder schon früher) verloren hat.

Beide – Anna und Georg – sind verlorene Seelen auf der Irrfahrt durch die Wirren der Nazizeit.

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Pam Jenoff ist es gelungen, mit „Der Kommandant und das Mädchen“ einen Roman zu schreiben, der fesselt, fühlen lässt und auch die Unsicherheiten und Zwiespalte des Lebens und der eigenen Entscheidungen einbezieht.

Ihre Charaktere sind liebevoll, zornig, sie vergeben, sie lügen und sie lieben.

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Mit „Die Frau des Diplomaten“ liefert Pam Jenoff auch einen Nachfolgeroman, der sich um die Jüdin Marta dreht, die eine Freundin Annas ist/war und deren Schicksal im ersten Buch offen gelassen wurde:

 

AUF JEDEN FALL IST „DER KOMMANDANT UND DAS MÄDCHEN“ EIN BUCH, DAS MAN ZUMINDEST EINMAL GELESEN HABEN SOLLTE. EINE ANRÜHRENDE UND FESSELNDE GESCHICHTE IN DEN ZEITEN DER NAZIHERRSCHAFT – EINE LANGSAM WACHSENDE ANZIEHUNG ZWEIER MENSCHEN, DIE DAS SCHICKSAL NICHT FÜREINANDER BESTIMMT HAT!

 

 

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