~ „Glück im Unglück“ / „Morgenwind“ – Teil 4 ~

Auf gehts in den vorletzten Teil der Geschichte von Elke Fromm:

Hat sie sonst noch etwas gesagt?’

Nein, hat sie nicht.’

Danke Lydia. Ich gehe sofort los.’

Oskar fährt in zehn Minuten in die Stadt, Material holen. Wenn du willst, nimmt er dich mit,’ sagte Lydia schnell.

Ohne zu antworten, griff eure Mutter ihre Tasche und eilte davon. Nach ungefähr dreißig Minuten setzte Oskar sie am Krankenhaus ab.

Nicht so hastig, gute Frau.’ Ein junger Arzt hielt sie am Arm fest.

Ich hatte einen Anruf, meine Tochter —.’

Frau Nowacky? Folgen Sie mir bitte. Professor Höfert möchte Sie sprechen.’

Aber meine Tochter–.’ Doch schon rannte sie dem Arzt hinterher, der sie kurz darauf einem älteren Herrn vorstellte.

Herr Professor, Frau Nowacky. Frau Nowacky, Herr Professor Höfert.’

Der Professor erhob sich und trat auf eure Mutter zu. ‚Das Wichtigste zuerst, Frau Nowacky, Ihre Tochter lebt und sie wird wieder gesund. Sie schläft jetzt. Und nun nehmen Sie doch bitte erst einmal Platz.’

Wie ferngesteuert, setzte sie sich und starrte den Professor unentwegt an.

Nach meiner Ankunft gestern Nachmittag, musste ich sofort den Jungen operieren. Er hatte starke innere Blutungen. Die Operation überlagerte für Stunden sämtliche Probleme dieser Station. Und doch starb der Junge unter meinen Händen.

Deprimiert lief ich auf dem Flur hin und her und suchte nach einer Antwort. Warum ich einem Pfleger in das dunkle Zimmer nachging, weiß ich nicht. Schemenhaft nahm ich vor dem verdunkelten Fenster ein Kinderbett wahr. Ich ging hin und befühlte den vermeintlich leblosen Körper. Als ich jedoch ein heißes Gesicht spürte, geschah alles Weitere in Windeseile.

An Ort und Stelle untersuchte ich Ihre Tochter. Bei der leisesten Berührung des Bauches begann sie zu schreien. Ich hatte eine Vermutung und flößte ihr etwas Tee vermischt mit einigen Tropfen Rizinus ein. Nun hieß es warten, einfach nur warten. Nach etwa zwei Stunden entleerte sich der Darm. Der Stuhlgang war schwarz wie Teer. Meine Vermutung hatte sich bestätigt. Was ich bisher nur aus der Literatur kannte, fand ich jetzt in der Praxis vor.

Ihre Tochter hatte ‚Wind verschluckt‘, im wahrsten Sinne des Wortes. Der kalte Wind hatte sich im Darm verfangen und den Brand ausgelöst, der seinerseits dann das Fieber verursachte.

Eure Mutter ergriff die Hand des Professors. ‚Ich weiß nicht, wie ich Ihnen jemals danken kann, Herr Höfert. Ich glaube, ich träume.’ Sie zwickte sich in den Arm und sah aus den Augenwinkeln, wie sich der Arzt amüsierte.

Dass Ihre Tochter lebt, verdankt sie nicht nur mir, sondern mehreren glücklichen Umständen.

Weil sich stundenlang alles um die komplizierte Operation des Jungen drehte, hatte die Schwester versäumt, mich über den Zustand Ihrer Tochter zu informieren. Dass ich, aus mir unerklärlichen Gründen, der Ärztin in das dunkle Zimmer gefolgt bin, denke ich, ist der erste glückliche Umstand.

Dass Sie jeden Tag zu Ihrer Tochter kamen, an ihrem Bett saßen, mit ihr sprachen oder ihr Lieder vorsangen, das war für ihr Baby die beste Medizin und aus meiner Sicht der zweite glückliche Umstand.

Dass aber Elsa solange durchhielt, bis ichkam und ihr half, das war ein weiterer glücklicher Umstand. Oder war es vielleicht — ähem — das Werk des Schöpfers, der mit dem kleinen Wesen Erbarmen hatte?’

Er lächelte verschmitzt und sah aus dem Fenster.

Kommen Sie, gehen wir zu ihr. Ich denke, ich habe noch eine Überraschung für Sie’, ergänzte er dann.“

Großmutter hält inne und atmet tief durch. Dann spricht sie weiter.

Am späten Nachmittag hielt ein Krankenauto vor unserem Haus. Wie immer liefen wir zum Tor und waren wie gelähmt, als wir sahen, dass eure Mutter alle Sachen bei sich hatte. Sogar das Kopfkissen hielt sie auf dem Arm. Die Nachbarn eilten herbei, als sie das Auto hörten.

Nein, Herta! Sie darf nicht tot sein!’, schrie Inge laut auf.

***

Und morgen erfahrt ihr im letzten Teil, wie die Geschichte endet.

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