~ Yosef Şimşek: „Im falschen Paradies“ ~

For my english-speaking-readers: The Translation of this article will be online Monday or Tuesday. So…stay tuned 🙂

Jeder spricht derzeit über die Menschen, die dem Krieg entfliehen und Sicherheit und eine Zukunft in „unserem“ Deutschland suchen.

Und einige regen sich über die „Flüchtlingsströme“ auf, die für sie einer Völkerwanderung gleich kommen. Nur vergessen sie dabei, dass es auch schon zu früheren Zeiten Menschen gab, die sich aus unterschiedlichen Gründen eine andere „Heimat“ gesucht haben, ein neues Leben in einem anderen Land.

Dass man so einen Schritt nicht immer freiwillig geht, dürfte verständlich sein.

Und die bei uns Angekommenen haben meistens noch mehr Probleme, als sich mit den Gepflogenheiten in Deutschland und der neuen Sprache auseinanderzusetzen: sie müssen den Spagat schaffen zwischen ihrer gewohnten Kultur – und der Kultur in unserem Land.

Sicher – es gibt auch „schwarze Schafe“, das will ich gar nicht bestreiten – aber die Mehrzahl der Neuankömmlinge wünscht sich eine gute Integration und neue Chancen auf ein Leben in Frieden.

***

Einer dieser Menschen, die den Zwiespalt zwischen der eigenen Tradition und der deutschen Lebenswelt meistern mussten, ist Yosef Şimşek.

Der 1990 in Hamburg geborene Mann war in seiner Kindheit getrieben von dem Wunsch, dazuzugehören und Freunde zu haben. Doch die strenggläubige Erziehung seines Vaters und seiner älteren Brüder ruinierte diesen Wunsch immer wieder aufs Neue.

Nun hat er seine Erfahrungen aufgeschrieben und im Riverfield-Verlag veröffentlicht unter dem Titel: „Im falschen Paradies – Wie mein Leben zwischen den Kulturen zum Albtraum wurde“.

Das Buch behandelt seine Kindheitsjahre mit all den Schwierigkeiten und Problemen, denen der Junge gegenüberstand.

„Mein Name ist Yosef, auf Arabisch Yussuf, und ich komme aus einer arabisch-islamischen Familie, die lange Zeit im Libanon gelebt hat. Dort haben meine Eltern in der Hauptstadt Beirut geheiratet und ihre ersten Kinder zur Welt gebracht.“

(Seite 8)

Da man in den arabischen Ländern andere Vorstellungen von den Pflichten und Tätigkeiten eines Mannes hat, musste der junge Yosef schon früh die strenggläubige Erziehung seines Vaters durchleben.

„Im Laufe der Zeit wurden aus den Hänseleien kleinere Handgreiflichkeiten, die sich schließlich zu fast täglichen handfesten Schlägen steigerten.

Warum es überhaupt anfing?

Na ja, weil ich hin und wieder meiner Schwester half, die Haare ihrer Barbies zu kämmen, aber vor allem, weil ich mein altes, etwas zerrissenes Hasenkuscheltier, das ich vom Roten Kreuz geschenkt bekommen hatte, so gern bei mir im Arm trug, es voller Liebe drückte und meistens mit ihm auch schlafen ging.“

(Seite 9)

Seine älteren Brüder und der Vater waren sehr durch die anderen Hierarchien und familiären Anforderungen in ihrem Heimatland geprägt, dass sie sich keine andere Erziehung vorstellen konnten.

Und auch auf Grund dieser Erziehung ist auch seine Mutter nicht – zumindest nicht nach deutschen Maßstäben – in der Lage, ihrem Sohn in der Not zu helfen.

Zunächst hat Yosef in der Schule Freunde und vertraut auch seiner Lehrerin. Bis zu dem Zeitpunkt, als er immer wieder von seinem Vater geschlagen wird und nicht nur sein Körper, sondern auch seine Psyche beginnt, darunter zu leiden.

„Mein Vater prügelte mich,als wäre ich ein unartiges wildes Tier, dem er Respekt beibringen musste. Er schlug so lange weiter, bis mein ganzer Körper mit roten Flecken übersät war und ich vor Furcht nur noch zitterte. Als er aufhörte, ging er neben mir in die Hocke, hob mich grob hoch, sodass wir auf Augenhöhe waren, und gab mir eine Ohrfeige. Dann schrie er mich an:

‚Du spielst tatsächlich mit Barbies, ja?! Und gehst auch noch mit deinem Hasen ins Bett?! Bist du etwa ein Mädchen mit einem Penis, oder was?! Ich sage dir eins, Junge, ich will nur richtige Männer in meinem Haus haben! Ich ziehe hier keine Weicheier oder Schwuchteln auf, ist das klar!'“

(Seite 16)

Noch schlimmer wird das häusliche Leben, als Yosef in der Schule nicht versetzt wird… Selbst seine Mutter hat nur wenig tröstende Worte für ihn:

„Du musst dir Mühe geben, mein Sohn. Du musst etwas erreichen. Es wird ein Tag kommen, an dem du diese ganzen Qualen und Schmerzen vergessen und auf eigenen Beinen stehen wirst. Du wirst unabhängig sein und dein eigenes Geld verdienen und immer wieder mal deiner Mummy ein Geschenk kaufen, damit du sie glücklich machst. Eines Tages wird dies alles vergehen, mein Kind. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, scheinbar immer ohne Grund geschlagen zu werden, aber das ist nun mal dein Schicksal. […]“

(Seite 26)

Kurze Zeit später entdeckt Yosef, dass er ein Talent für das Künstlerische hat: er kann sehr gut zeichnen. Rückblickend hat er natürlich realisiert, dass auch dieses Talent nicht gerade förderlich in den Augen seiner Familie war:

„Ich habe damals nicht verstanden, dass ich für meinen Vater und meine älteren Brüder kein „richtiger Mann“ und damit kein ernst zu nehmender Gesprächspartner war. Für sie war ich die Schande der Familie; in ihren archaischen Vorstellungen war kein Platz für jemand wie mich, der schnell weinte, ein weiches Herz hatte und gut zeichnen konnte.“

(S. 30)

Yosef hat später – auch auf Grund der inneren Zerissenheit – noch einige Probleme in der Schule zu bewältigen. Und nicht nur dort.

Seine Familie benimmt sich plötzlich merkwürdig und erzählt ihm nicht, was vorgefallen ist.

***

Doch Yosef hat in seinem jungen Leben auch Glück: z.B. als eine Nachbarin der Familie ihm zu Hilfe eilt, als sein Vater mal wieder die Gürtelschnalle knallen lassen wollte.

„Unvermittelt trat Frau Schall zu mir, half mir vorsichtig auf und sagte: „Komm, mein Junge, ich fahre dich zum Arzt.“

Als ich gerade ins Auto von Frau Schall klettern wollte, kam auch meine Mutter angerannt und setzte sich zu mir auf die Rückbank. Nachdem Frau Schall den Wagen aus der Parklücke bugsiert hatte, gab sie richtig Gas und wir fuhren so schnell wie möglich zu unserer Hausärztin; ein Krankenhaus gab es in unserem Ort nicht.

Niemand sagte etwas während der kurzen Fahrt. Ich war in diesem Moment nur unheimlich dankbar, dass meine Mutter Frau Schall geholt hatte, denn mein Vater hätte mich bestimmt krankenhausreif geprügelt, wenn sie nicht aufgetaucht wäre.“

(S. 54)

***

Dieses Buch hat Yosef Şimşek nicht nur seiner Mutter gewidmet – es ist auch eine Liebeserklärung an die Frau, die ihn geboren hat und ihn immer liebte, obgleich sie es wenig zeigen konnte.

„Ich liebte meine Mutter und wollte immer, dass sie glücklich ist. Sie ist eine richtige Mama, die nur das Gute für ihre Kinder will. Das wusste ich und spürte ich sehr deutlich. Aber auch sie war eine Gefangene ihrer Herkunft und Kultur und konnte einfach nicht aus ihrer Haut. Sie schaffte es nicht, all das beiseitezuschieben, was man sie gelehrt hatte, so gern sie es auch getan hätte.“

(S. 57/58)

Es folgen harte Zeiten, aber auch schöne Zeiten, während derer Yosef aufwächst, Erfahrungen sammelt und manchmal sogar die Gesellschaft seiner Mutter allein genießen kann.

„Yussuf, Habibi, ist dir langweilig?“, fragte meine Mutter, als sie das Zimmer betrat und mich interesselos auf dem Bett liegend fand. […] Ich fand es rührend von ihr, wie sie versuchte, mich auf andere Gedanken zu bringen. Ohne zu zögern begab ich mich denn auch mit ihr in die Küche und sah, dass sie angefangen hatte Kekse zu backen, und zwar Mamoul, eine libanesische Spezialität. […] Es war das erste Mal, dass ich meiner Mutter im Haushalt half. Und ob ich wollte oder nicht, war ich schon mitten im Geschehen und der Rest kam von ganz alleine: Immer wenn meine Mutter in Zukunft alle Hände voll zu tun hatte, rief sie nach mir.“

(S. 64)

Doch nach einem erneuten Zwischenfall in der Familie muss sich Yosef unweigerlich fragen:

„Bin ich wirklich in Lebensgefahr, so lange ich in dieser Familie bin?“

(S. 67)

***

  • Wird Yosef in der Schule weiter akzeptiert werden? Wohin führt sein Verhalten?
  • Was hat es mit den verschwundenen Familiensachen auf sich?
  • Kann eine neue Schulpsychologin helfen, damit Yosef sein Leben ändert?
  • Kann Yosefs Mutter ihrem Sohn helfen?
  • Was passiert sonst noch in Yosefs Familie…?
  • Welche Geheimnisse hat die Familie vor Yosef – und wie kommen sie ans Licht?

***

Als die Familie von Yosef aus Deutschland ausgewiesen wird, beginnt ein ganz neues Kapitel im Leben des Jungen. Er ist in Deutschland geboren und muss nun in ein Land, dessen Sprache er nicht spricht und dessen Gepflogenheiten er nicht kennt…

„An manchen Tagen wachte ich auf und hoffte, das alles hier, diese Umgebung, diese mir völlig fremden Menschen, deren Sprache ich nicht verstand, diese ganze Kultur, wäre nur einer meiner Albträume gewesen, und wenn ich nun die Augen aufschlagen würde, würde ich sehen, ich sei in Deutschland, in meinem Bett, da, wo ich hingehöre.“

(S. 146)

Er sieht auch, dass andere Länder ganz anders mit Ausländern umgehen, als es in Deutschland der Fall ist. Hier in Deutschland gibt es Sprachunterricht – und in der Türkei unterscheidet sich das doch sehr. So schildert es Yosef in seinen Erinnerungen.

  • Wird der Schulpsychologe in der neuen Schule in der Türkei Yosef bei seinem Traum helfen?
  • Was ist überhaupt Yosefs Traum?
  • Und wie beeinflusst seine Mutter diesen Traum positiv?

Trotz allem erkrankt Yosef an schweren Depressionen und muss einen schweren Kampf bestehen und einen Psychiater aufsuchen, der ihm helfen soll.

***

Während seiner Schilderungen zeigt Yosef Şimşek auch immer wieder die Auswirkungen, die der Krieg in Syrien hat.

„Aleppo hatte vor dem Krieg, also kurz bevor wir es durchfuhren, fast 2,5 Mio. Einwohner und war damit nach Damaskus die zweitgrößte Stadt Syriens. […] und die Altstadt von Aleppo gehört mit zu den ältesten im ganzen Orient. Seit Mitte der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts zählt sie zum anerkannten UNESCO-Weltkulturerbe. […] Dies alles sollte kaum ein Jahr später in Schutt und Asche liegen, denn im Zuge des Krieges in Syrien wird Aleppo seit 2012 schwer umkämpft. Weite Teile der Stadt sind völlig zerstört und ein großer Teil ihrer Bewohner ist geflüchtet. Mit diesen Kämpfen einher ging und geht auch die Zerstörung der historischen Monumente wie der Umayyaden-Moschee, des Basars mit seinen knapp 1000 Geschäften und der traditionellen und wunderschönen alten Wohnquartiere.“

(s. 161/162)

  • Wie kann der Psychiater Yosef aus seiner Depression helfen?
  • Welches Mittel nutzt Yosef selbst, um sich zu helfen?

Yosef hat sich in der Folgezeit viel mit Flüchtlingen beschäftigt und mit vielen gesprochen. Auch diese Erkenntnisse und weisen Worte kommen im Buch zum Tragen.

Dabei stellt Yosef auch Fragen, die vielen von uns wahrscheinlich im Kopf herumspuken und die kaum jemand verstehen kann…

Yosef arbeitet daran, seinen Traum zu verwirklichen und modelt auch nebenher. Er hat in einem Fünf-Sterne-Hotel in Antalya gearbeitet und hat seinen Frieden gefunden:

„Heute bin ich ein glücklicher Mann. Ich habe gelernt, mit beiden Kulturen zu leben, in denen ich früher verloren war. Alle Menschen sind verschieden, aber wir teilen uns dennoch diese eine kleine Welt. Ich bin mit mir im Reinen.“

(S. 172/173)

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„Im falschen Paradies“ ist ein lesenswertes Buch über eine schwierige Kindheit und den Weg in ein positiv gestaltetes Erwachsenenleben.

Vielen Dank an dieser Stelle an den Rivervield-Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

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2 Antworten zu ~ Yosef Şimşek: „Im falschen Paradies“ ~

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