Akram El-Bahay: „Ministry of Souls – Das Schattentor“

„Der Tag, der Jacks Leben eine ganz und gar unerwartete Wendung gab, schmeckte nach Tod. […] Jack hatte ein Gespür für den Tod. Und dessen Duft hing für ihn so deutlich in der Luft Londons, dass der Fünfundzwanzigjährige ihn auch dann wahrgenommen hätte, wenn die ältere Dame im Nachthemd nicht gerade dabei gewesen wäre, in geradezu selbstmörderischer Art durch das offen stehende Dachfenster zu klettern.“

(Akram El-Bahay: Ministry of Souls – Das Schattentor, Seite 9)

Geht es euch auch manchmal beim Lesen so? Wenn ihr einen Autor schon mal live bei einer Lesung erlebt habt – und dann ein weiteres Buch von ihm lest, habt ihr meistens seine Stimmlage und Leseart im Ohr, wenn ihr in die neue Geschichte eintaucht.

Mir geht es zumindest bei Akram El-Bahay so, dessen Lesungen auf der Leipziger Buchmesse sozusagen zu meinen festen Programmpunkten gehören.

Er hat zwar seinen Sprecher für seine Hörbücher (und Thomas Schmuckert passt ganz gut zu den Geschichten) – aber es gibt doch eine unverwechselbare Art, wie er seine Bücher liest, seine Geschichten erzählt, die sich einem einprägt und bei den weiteren Büchern begleitet.

Akram El Bahay – Ministry of Souls – Das Schattentor

So ist es auch bei seinem neuesten Buch, in dem es grob gesagt um die Zeit nach dem Sterben geht.

Wir lernen Jack kennen, seines Zeichens eigentlich Soulman in Ausbildung, also Lehrling für die Aufgabe, verstorbene Seelen in die Zwischenwelt zu bringen, damit sie sich von ihrem irdischen Dasein verabschieden können und dann im Jenseits ihren Frieden finden können.

Zu Beginn jagt er hinter einer alten Damen namens Agatha hinterher, die sich partout nicht in die Zwischenwelt begeben will. Ihr Geist hat sich in den Kopf gesetzt, sich unbedingt um ihre vielen Katzen kümmern zu müssen und so konnte Jack diesen Auftrag noch nicht erledigen. Obwohl dies für seine berufliche Laufbahn ganz gut wäre.

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Dann gibt es mehrere Tote einer arabischen Gesandtschaft im Buckingham Palast in London – und Jack erhält seinen ersten offiziellen Auftrag im Außendienst, die Geister der Toten in die Zwischenwelt zu überführen. Für ihn sozusagen ein Glücksfall – denkt er…

„Der Marble Arch erhob sich vor ihm in die Höhe wie die Haustür in ein Riesenhaus. Und er offenbarte den verräterischen, leichten Schimmer, den alle Pforten aufwiesen. […] Langsam machte er ein paar Schritte auf das Tor zu. […] Das Tor war ein Marmorbogen, unter dem die Königin oder Staatsgäste in ihren Kutschen in den Palast fuhren. Es besaß Flügel aus schmiedeeisernen Stäben, die ein Muster formten, als wären sie Triebe, die aus der Erde wuchsen.“

(Akram El-Bahay: Ministry of Souls – Das Schattentor, Seite 35)

Allerdings entpuppt sich sein erster offizieller Auftrag – trotz der interessanten Umgebung – zu einem Kampf um Leben und Tod und der Suche nach Wahrheit und Verrätern…

Während Jack die Toten begutachtet und deren Geister sucht, damit er sie in die Zwischenwelt bringen kann, merkt er, dass eine der dort liegenden Gestalten, eine Frau, noch lebt. Allerdings ist auch sie dem Tod nah, denn die Gesandtschaft wurde wohl vergiftet und auch in ihrem Körper verteilen sich die Boten des Todes. Jack will sie zu einem Arzt bringen, um sie zu retten – wird aber angegriffen und fällt im letzten Moment eine Entscheidung: er katapultiert die junge Frau in die Zwischenwelt, um sie wenigstens für den Moment zu retten.

Allerdings hat er jetzt ein Problem: laut offiziellen Soulman-Regeln dürfen keine lebenden Personen in die Zwischenwelt – und außerdem muss er die Frau erstmal wiederfinden – und das ist nicht gerade leicht…

Die Reise wird immer interessanter…

Akram El-Bahay hat es wieder geschafft – er hat eine Welt erschaffen, die spannend ist, Magie beinhaltet und genug Action, damit es nie langweilig wird. Außerdem sind die Charaktere wieder gut entwickelt, sehr sympathisch geschrieben und noch dazu erhalten wir einen Einblick in die arabische Mythologie rund um die Ifriten.

„Jack betrachtete die Seiten. Eine von ihnen schmückte eine Illustration. […] ‚Was ist das?‘ fragte er, und seine Stimme klang vor Aufregung so heiser und fremd, als gehörte sie einem anderen. – ‚Ein Ifrit‘, antwortete Oz. Auf Jacks fragenden Gesichtsausdruck hin ergänzte er: ‚Ein Wüstengeist. Genauer gesagt, ein Rachegeist.'“

(Akram El-Bahay: Ministry of Souls – Das Schattentor, Seite 105)

Nach und nach kommt Jack den Geheimnissen und verräterischen Intrigen rund um den Tod der Gesandtschaft auf die Spur – dank der Zusammenarbeit mit einem nun verstorbenen Archivar namens Oz, der nach langem Suchen und Kämpfen wiedergefundenen Prinzessin Naima und einer Katze, die ihnen mehr als einmal geholfen hat.

Doch das Schlimmste steht ihnen noch bevor…

Wer ist für die Toten im Buckingham Palast verantwortlich?

Was will der Ifrit – wieso ist er hinter der Prinzessin Naima her?

Wieso wird Jack auf einmal von der Polizei gesucht?

und am wichtigsten:

Was hat Agatha plötzlich im Archiv der Ministry of Souls zu suchen – noch dazu mit ihren Katzen?

Lasst euch in das viktorianische London entführen und begleitet Jack auf seinen Abenteuern – und die sind noch nicht vorbei, denn Akram El-Bahay hat einen zweiten Teil geschrieben, der den Titel trägt: Ministry of Souls – Die Schattenarmee. Erscheinen wird der zweite Teil der interessanten Geschichte Ende September nächsten Jahres.

Auf jeden Fall ist diese Geschichte eine Leseempfehlung und ich freue mich auf eure Meinungen dazu 🙂

Akram El-Bahay: „Anouks Spiel“

Note to my english speaking readers: this article will only be published in german language.

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Seit ich die erste Lesung von Akram El-Bahay auf der Leipziger Buchmesse 2017 gehört habe, bin ich ein Fan des deutsch-ägyptischen Autors mit dem wunderbaren Erzähltalent.

Akram El-Bahay hat in den vergangenen Jahren seine Leser in diverse Welten entführt, von Wüsten (wie in seinen Debütromanen rund um die Drachen der Flammenwüste) über die Welt der Träume und Bücher, bis hin zu den Bibliotheksräumen der Bücherstadt. Jede Geschichte hat ihr eigene Geschwindigkeit, ihre eigenen Regeln und bahnt sich Wort für Wort, Seite für Seite ihren Weg in die Herzen der Leser.

Schon Herzenmacher und die Geschichte rund um den Dieb Sam (Bücherstadt, Bücherkönig, Bücherkrieg) haben mich fasziniert und mit dem neuesten Werk des Autors ist es nicht anders.

Lasst euch entführen in die Welt von „Anouks Spiel“.

Anouk hat Geburtstag – sie wird 13. Ein wichtiger und prägender Geburtstag. Und eigentlich freut sich das junge Mädchen auf die Geschenke, auf ihre Eltern und die Zeit mit ihnen. Wäre da nur nicht Anouks kleine Schwester Maya, die die Aufmerksamkeit ihrer Eltern fordert, wie es nur Babies und Kleinkinder können.

Anouk ist es leid, an ihrem Geburtstag die Aufmerksamkeit der Eltern teilen zu müssen und – wie an Geburtstagen üblich – wünscht sie sich etwas: dass ihre Eltern nur noch ihr gehören – und nicht Maya.

Und da es ihr Herzenswunsch ist, erlebt sie am nächsten Morgen eine folgenschwere Überraschung. Ihre Schwester ist verschwunden. So als habe sie nie existiert!

 

„Um sich von den quälenden Gedanken über Mayas unerklärliches Verschwinden abzulenken, griff sie das Paket und öffnete es. Darin lag ein in Geschenkpapier eingeschlagenes zweites Paket. Anouk packte es aus und zog ein altes Spiel hervor. Es sah ziemlich gebraucht aus. Als wäre es viele Jahre von vielen Menschen gespielt worden.“

(Akram El-Bahay: Anouks Spiel, Format: mobi, ohne Seitenangabe)

 

Auf den ersten Blick erinnert der Handlungsweg von „Anouks Spiel“ ein wenig an Jumanji (den Original-Film habe ich übrigens geliebt und mag ihn auch heute noch sehr) und doch ist es ein wenig anders. Es sind eben die Nuancen die zählen und Akram El-Bahay besitzt das Talent, auch die feinen Einzelheiten herauszuheben und die Buch-Charaktere zu lieben Freunden werden zu lassen.

So lernen wir auch den zweiten Hauptcharakter des Buches kennen: Pan. Ein Schimpanse, der plötzlich in Anouks Zimmer auftaucht und sie über das Spiel aufklärt. Zunächst wirkt er etwas merkwürdig, aber er ist ein Charakter, den man im Laufe der Geschichte liebgewinnt und nicht missen möchte.

Mit Pans Hilfe beginnt Anouk zu verstehen, dass das Spiel dazu da ist, ausgesprochene Herzenswünsche, die sich als falsch erwiesen haben, rückgängig zu machen. Natürlich geschieht dies nicht auf einfachem Weg, sondern die Spieler müssen verschiedene Aufgaben lösen und Dinge sammeln, die sie später noch brauchen können. Aber es gibt auch einen Gegenspieler, der das Vorankommen des Spielers vereiteln und ihn am Gewinnen hindern will: der dunkle Prinz.

„Das Streitross spiegelt wie vieles in diesem Spiel den Charakter seines Besitzers wider. […] Ist er oder sie freundlich, hilfsbereit, aufopfernd, ein wenig mutig, kurz gesagt: Hat er oder sie das Herz am rechten Fleck wie ein Schimpanse, so wird es zu einem unerträglich schönen Tier.“

(Akram El-Bahay: Anouks Spiel, Format: mobi, ohne Seitenangabe)

Auf dem Weg durch die verschiedenen Spielwelten (u.a. Wald, Wüste, Wasser) lernt Anouk die verschiedenen Nebencharaktere kennen, unter anderem Wurzelmenschen, Wipflinge, Eulen, Piraten und einen Dschinn.

Sie muss Streite schlichten, Freunde finden und wieder verlieren und darf trotzdem nie ihre Mission aus den Augen verlieren: Sie muss das Spiel gewinnen, um ihre Schwester und sich selbst zu retten.

Anouk hat kleine Siege, aber auch Niederlagen zu durchleben. Irgendwann lernt sie den im Spiel lebenden Regelmacher kennen, dem sie ebenfalls aus einer sehr misslichen Situation helfen muss – und dieser bedankt sich auf seine Weise:

„Wenn ich dir einen Rat mit auf deinen stürmischen Weg geben darf… Gleich, welche Waffe du schwingst und welches Ross du reitest, es ist einzig dein Herz, das du gegen den dunklen Prinzen in die Waagschale werfen kannst. Halte an ihm und an deiner Güte fest.“

(Akram El-Bahay: Anouks Spiel, Format: mobi, ohne Seitenangabe)

 

Doch trotz allen Fortschritten scheint der dunkle Prinz  ihr stets einen Schritt voraus zu sein…

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Was hat es mit dem dunklen Prinzen auf sich?

Wird Anouk alle Aufgaben bestehen?

Wie wirkt sich die Zeit im Spiel auf ihr Herz aus?

Und was haben Piraten in der Wüste zu suchen?

 

Diese und andere Fragen beantwortet Akram El-Bahay wunderbar mystisch in seinem neuesten Buch „Anouks Spiel“. Es geht um Feindschaften, Freundschaften, Streitigkeiten und den Wert des Lebens – und es geht um Geschichten…

„Geschichten sagen dir, wo du herkommst. Sie können dir von fremden Orten berichten und solchen, deren Entfernung nicht in Metern, sondern in Jahren gerechnet wird. Sie helfen dir zu verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist. Und wie du sie zu einem besseren Ort machen kannst.“

(Akram El-Bahay: Anouks Spiel, Format: mobi, ohne Seitenangabe)

 

An dieser Stelle bedanke ich mich bei der Ueberreuter-Verlagsgruppe und Akram El-Bahay für die Bereitstellung des E-Book-Exemplars von „Anouks Spiel“.

Der Autor hat es wieder einmal geschafft, auch erwachsene Leser für ein als „Kinderbuch“ deklariertes Werk zu begeistern und in eine weitere seiner spannenden Welten zu entführen. Ich bin gespannt, welche Geschichten Akram El-Bahay noch hervorzaubern wird und freue mich schon sehr auf die Veröffentlichung von „Das Schattentor: Ministry of Souls“ im September dieses Jahres.

Akram El-Bahay: „Bücherkrieg“

Note to my english speaking readers: this article will only be published in german language.

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Kennt ihr das, wenn ihr das Lesen eines Buches zeitlich hinauszögert, so dass ihr länger etwas vom Inhalt habt? Mir ging es auch beim finalen Teil der Trilogie rund um die Bücherstadt und ihre Bewohner so – genau wie bei den ersten beiden Teilen mit den Titeln „Bücherstadt“ und „Bücherkönig„.

Nun ist es soweit, der Krieg steht bevor.

Auf der einen Seite die befreiten Fabelwesen mit ihrem Anführer Nusar – und auf der anderen Seite die Sahira Layl und der Weiße König.

Die Vorbereitungen für den Schlag gegen den Weißen König und die Sahira der Nacht laufen und auch Sams Vater Vicente sowie die Feuerentzünder, Diebe und Mörder der Unterwelt Mythias sind mit einbezogen.

Der Asfur Nusar schafft es, gemeinsam mit dem Pferdemenschen Shagyra und der Hilfe von Sam, sowohl Fabelwesen als auch menschliche Unterstützer einzuteilen, zu motivieren und auf den folgenden Kampf vorzubereiten. Auch wenn nicht alle von den getroffenen Maßnahmen immer begeistert sind. Doch in Zeiten wie diesen muss man erfinderisch sein und auch einmal ungewöhnliche Wege gehen.

So wie Sam, als dieser sich in Begleitung von Shagyra ins Gefängnis von Mythia wagt…

Und auch in den Gefängnisinsassen finden sie weitere Helfer im Kampf um die Freiheit der vorher in Büchern eingesperrten Fabelwesen.

Währenddessen macht sich Kani mit ihrem neuen Ich vertraut. Sie ist zur Hälfte eine Sahira – die Sahira der Dämmerung – und ist laut Auskunft der steinernen und stummen Thalia auch diejenige, die die Veränderung bringen wird. Zum Guten oder zum Schlechteren.

Die Geschichte um den Bücherkrieg wäre nicht dieselbe, würde sich nicht auch Sam früher oder später wieder in den Gängen Paramythias befinden, der riesigen Bibliothek unterhalb der Stadt.

Mit seiner ersten Vermutung, dass der Krieg auch diesmal seine Opfer finden würde, wird Sam noch sehr recht haben.

Doch bis dahin laufen die Vorbereitungen wie am Schnürchen und binden alle Fabelwesen mit unterschiedlichen Aufgaben ein. Da Sam seine Spionage- und Diebeskünste zur Verfügung stellen soll, ist er auf die Hilfe der Bahriden angewiesen. Die Wasserwesen, die sich und jene, die sie berühren, unsichtbar machen können, stehen auch nicht allen Unternehmungen gut gelaunt gegenüber und nicht alle Gewohnheiten der Menschen finden ihren Anklang.

Hier schafft Akram El-Bahay es auch wunderbar – wie bisher in allen Büchern, die ich gelesen habe – Alltagskritik/ Umweltkritik einzuwerfen, die bei aufmerksamen Lesern nicht unbemerkt bleibt und auch als richtig und wichtig empfunden wird.

Während all dies geschieht, ist Kani darum bemüht, ihren Weg als Sahira zu finden, ihr Ich nicht zu verlieren und denen zu helfen, denen sie auch vorher nahestand und als Freunde bezeichnet hat. Mit ihrem neu erlangten Wissen auch in Bezug auf den Tod ihrer Mutter ist dies jedoch nicht ganz so einfach für die neu erwachte Sahira und mehr als einmal hat sie mit aufkommender Wut und Rachegelüsten zu kämpfen. Doch für ihr gemeinsames Ziel und für ihre Freunde findet sie den richtigen Weg.

In den laufenden Kämpfen in Mythia finden sowohl Menschen als auch Fabelwesen den Tod. Wir als Leser werden mehrere lieb gewonnene Charaktere verlieren und müssen dies als gegeben hinnehmen, dient es doch auf die ein oder andere Weise dem Fortkommen der Geschichte. Wenn man es am Ende überdenkt, ist es vielleicht auch gut so, dass gerade diese Charaktere gegangen sind, gerade weil sie so einen großen Eindruck hinterlassen haben.

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Am Ende einer Trilogie wie dieser muss es ja eine Art von Happy-End geben – und Akram El-Bahay gibt uns Lesern ein zufriedenstellendes Ende für alle noch lebenden Charaktere.

Und das Gute, wenn man die Bücher zur Hand hat: man kann jederzeit von vorn beginnen und Shagyra, Nusar, Kelaino, Umm, Sam, Kani und die anderen neu kennenlernen und sich in die Straßen von Mythia und die unterirdischen Wege Paramythias ziehen lassen.

„Bücherkrieg“ ist ein würdiger Abschluss dieser Reihe um Menschen, Fabelwesen und die Dinge, die uns ausmachen – abgesehen von Aussehen, Zugehörigkeit und ersten Überzeugungen. Die Trilogie handelt von Vertrauen, Freundschaft und dem Wunsch nach Freiheit.

Wer übrigens mehr ein Audiotyp ist, dem kann ich das Hörbuch empfehlen, gelesen von Thomas Schmuckert und – wie auch die beiden anderen Teile: eine „Ohrenweide“.

~ Akram El-Bahay: „Herzenmacher“ ~

Note to my english-speaking readers: Due to the time fact and the fact, that this book is only available in german language – I will skip the english version this time. If you are interested in the english version – please contact me. Thank you for your understanding.

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Nachdem ich in den vergangenen Buchmesse-Jahren regelmäßig Lesungen von Akram El-Bahay besuchte, war ich – wie ihr ja bereits erfahren konntet – auch dieses Jahr wieder zugegen, als er aus seinem Buch „Bücherkönig“ las. In den Jahren zuvor hatte ich schon das Vergnügen, Lesungen zu „Bücherstadt“ (Artikel zum Buch hier), „Wortwächter“ und „Henriette und der Traumdieb“ zu hören.

Zwar habe ich die diesjährige Lesung zu „Herzenmacher“ verpasst, jedoch hat mich das Buch auch ohne vorherige Hörprobe begeistert (alleine das Cover ist toll) – und so landete es natürlich schon vor meinem Messebesuch bei mir und wurde dann auch vom Autor signiert.

„Sie fand hier das, was sie brauchte.

Menschen, die so fern der Natur lebten, dass sie vergessen hatten, wie die Dinge zusammengehörten. […] ließen sich täuschen von den Zauberdingen, die sie ihnen als Lohn anbot. Zauberdinge, die das Leben so viel besser machen.

Wie Kinder, die sich mit ein paar Glasmurmeln kaufen lassen, waren die Leute.

Und sie sind es noch immer.“

(Herzenmacher, Seite 280)

Léo lebt mit seiner Mutter in Briançon – einer französischen Stadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Die Stadt nahe der italienischen Grenze ist dem Hauptcharakter schon längst zu klein geworden – und er sucht nach Möglichkeiten, seinem Leben einen größeren Sinn zu geben. Seine Familiensituation ist auch alles andere als einfach für ihn – sein Vater ist vor Jahren gestorben und seine Mutter, eine Spielzeugmacherin, will nicht darüber sprechen, was damals vorgefallen ist.

Eines Tages beobachtet Léo, wie seine Mutter einem kleinwüchsigen Mann eine Kugel übergibt, von der er weiß, dass sein Vater sie hergestellt hat. Da er die Kugel unbedingt wiederbekommen möchte, folgt er dem Mann – und entdeckt Unglaubliches, als er in einer Spiegelwelt seiner eigenen Stadt ankommt, die doch so anders und gefährlicher ist, als seine eigene.

Und trotz dieser Unterschiede sind doch die wirklich wichtigen Dinge und Probleme im Leben gleich: Klimaveränderungen, Herrschsucht und Gier der Mächtigen, Heldenmut von Menschen mit Herz, um positive Veränderungen hervorzurufen.

 

„‚Ja, die Hexe‘, antwortete ihm Kafir, der offenbar weniger Furcht vor der Hexe hatte als der Spielzeugmacher.

‚Die Kinder erinnern sich schon nicht mehr an die Zeit, in der auf jeden Somer zuverlässig der Winter folgte. Schon seit vielen vielen Jahren ist dieser Kreislauf durchbrochen.'“

(Herzenmacher, Seite 54)

 

Doch die Probleme des Spiegel-Briançon sind nicht alleine der fehlende Wechsel von Sommer- und Winterzeiten, sondern reichen tiefer:

Er erfährt, dass in dieser Spiegelstadt die Winterhexe herrscht – und das schon länger, als ihre Zeit es ihr erlauben würde. Jedes Jahr feilscht sie mit dem Tod um mehr Lebenszeit, die sie sich von den Bürgern der Stadt „schenken“ lässt.

 

„Wenn die Hexe mehr Jahre haben will, als ihr zustehen, muss ein anderer ihr Zeit geben. Freiwillig.“

(Herzenmacher, Seite 91)

 

Langsam erfährt Léo durch seinen neuen Mentor Fernando, ebenfalls ein Spielzeugmacher mit ganz besonderen Fähigkeiten, dass die Dinge durch die Regentschaft der Hexe und des derzeigen Königs schlimmer liegen als befürchtet – und auch sie haben Ähnlichkeit mit den technischen Errungenschaften, die wir Leser in unserer heutigen Realität haben.

 

„‚Du siehst in Hexenspiegel‘, raunte Kafir ihm zu. ‚Interessante kleine Dinger, nicht?‘ […]

‚Unglaublich‘, stammelte Léo.

‚Hinterhältig‘, erwiederte Fernando brummig und starrte in die blank polierten Spiegel.

‚Die Hexe hat sie verzaubert und lässt sie von ihren Dienern verkaufen. Sie soll so sehen und hören können, was ihre Spiegel sehen und hören. Verliebte Worte, dunkle Geheimnisse.

Viele sagen, das sei alles Unsinn. Ich aber denke, dass es stimmt.

Die Narren, die diese Dinger kaufen, entblößen sich vor der Hexe.'“

(Herzenmacher, Seite 58)

 

Léo lernt noch weitere tiefe Geheimnisse kennen, die auch mit der Arbeit seines Vaters und dessen Tod zusammenhängen. Langsam lüftet sich der Schleier, als Léo erkennt, dass sein Vater und seine Mutter ursprünglich Einwohner der Spiegelstadt gewesen sind und einen geheimen Auftrag hatten.

Als er immer mehr und mehr über die Machenschaften der Hexe und ihrer Diener erfährt und persönliche Verluste hinnehmen muss, fasst er gemeinsam mit neuen Freunden einen Plan, um der Hexe entgegenzutreten und ihre Herrschaft zu beenden.

„Er ist einmalig.

Und der Einzige, den die Hexe und ihre Diener fürchten.“

(Hexenmacher, Seite 151)

 

Léo muss Mut beweisen und auf seine Fähigkeiten als Herzenmacher – von denen er vor noch gar nicht so langer Zeit erfahren hat – vertrauen. Im Angesicht von einem machthungrigen und von der Hexe geblendeten König und Hexenkrähen, die den Tod in Form von Federn bringen, ist das gar nicht so einfach…

***

Wird Léo den Bewohnern der Spiegelwelt helfen können?

Wer ist der „Einmalige“, der die Hexe besiegen kann?

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„Herzenmacher“ von Akram El-Bahay ist definitiv eine Leseempfehlung.

Der Autor schafft es wunderbar, die Spiegelwelt von Briançon lebendig werden zu lassen. Die Charaktere sind allesamt sympathisch, wenn man sie erst einmal beim Lesen näher kennenlernt. Auch die Winterhexe hat so ihre interessanten Seiten und ist nicht nur böse, auch wenn die Zeiten sie wahrscheinlich härter gemacht haben.

Leben und Tod liegen sehr nahe beieinander in diesem Roman von Akram El-Bahay und zeigen erneut, wie sehr man das Leben wertschätzen sollte – mit all seinen Fehlern und täglichen Problemen.

„Erst ich mache das Leben schön.

Doch man soll mich nicht suchen, denn ich komme zu jedem, wenn dessen Zeit erreicht ist.“

(Herzenmacher, Seite 211)

~ Tag 1 und Tag 2 auf der Leipziger Buchmesse 2019 / Day 1 and Day 2 at Leipzig Book Fair 2019 ~

Note to my english speaking readers:

due to the short time frame this article will only be available in german language.

Should you be interested in an english translation, please contact me. Otherwise you can try to get the text translated with an online tool. Thank you for your understanding.


Willkommen zur Leipziger Buchmesse.

In diesem Jahr ohne Schnee oder Regen, sondern mit perfektem Frühlingswetter, dass zahlreiche Lese- und Buchliebhaber nicht nur in die Innenhallen der Neuen Messe in Leipzig lockt, sondern auch in die Außenbereiche zwischen und vor den Hallen.


Kurzbericht zu meinen Tagen 1 und 2:

Donnerstag hatte ich länger eingeplant, dann hatte ich noch einen spontanten Termin, der meine Planung hinfällig machte. Deshalb nur die obligatorische Freischaltung des Presseausweises, ein wenig Herumstöbern in Halle 1 und eine Lesung zum Thema Gesundheit/ Psyche, die mich sehr beeindruckt hat.

Gelesen hat Dominique de Marné aus ihrem Buch „Warum normal sein gar nicht so normal ist…und warum reden hilft“. Sie erhielt vor einiger Zeit die Diagnose „Borderline“ und in ihrem Buch erzählt sie von der Diagnose, der Krankheit selbst und von ihrem Umgang damit.

Die Lesung fand großen Anklang und da psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und teilweise zunehmend sind, ist es ein wichtiges Thema und Bücher wie diese helfen hoffentlich den Betroffenen selbst und deren Umfeld im längerfristigen Umgang.


Freitag sah es schon etwas anders aus:

Zwar habe ich ebenfalls einige Lesungen (2 Stück) entfallen lassen, da entweder schon zu viele Menschen am Leseort standen oder die Zeit nicht ausgereicht hätte, ordentlich durch die Gänge zu stöbern. Man muss ja auch mal Prioritäten setzen, oder?

Als erstes hörte ich einen Vortrag zum Thema „Rewilding“, was definitiv ein wichtiges Thema ist. Natur und Umwelt und die mögliche Renaturierung von Lebensräumen, die durch den menschlichen Einfluss stark beeinträchtigt wurden. Man hat gemerkt, dass es ein Vortrag einer Wissenschaftlerin war, allerdings war das Themengebiet interessant – und so ein Vortrag ist ja nicht mit einer normalen Lesung zu vergleichen. Alle Erwartungen, die ich im Vorfeld and den Vortrag hatte, wurden erfüllt und zum Abschluss gab es noch ein kleines Stück Schokolade – was will Frau denn mehr?

***

Dann kam das Highlight meines Tages: die Lesung von Akram El-Bahay zu seinem neuesten Buch „Herzenmacher“.

Wie üblich war es wieder sehr schön, dem Autor beim Lesen zuzuhören und zu spüren, wie die Figuren zum hörbaren Leben erwachten.

Natürlich hab ich mir auch noch meine Exemplare von „Bücherkönig“ und „Herzenmacher“ signieren lassen. Was mich besonders gefreut hat, war, dass Akram El-Bahay mich wiedererkannt hat und natürlich zum jeweiligen Buch passende Worte für seine Signatur parat hatte.


Daneben habe ich  noch einiges mit nach Hause genommen, seien es gekaufte Exemplare von interessanten Büchern, Leseproben, Postkarten von Büchern oder dekorative Postkarten von Tushita.

Aber schaut selbst:

Und, wie waren eure ersten Messetage?

Was habt ihr von der Messe bis jetzt mitgenommen?

Was war euer Highlight?

~ Akram El-Bahay: „Bücherkönig“ ~

~ Note to my english speaking readers: since this book is only available in german language, I chose to only write this article in german. If you are interested to read this article in english, please contact me. Thanks ~

~ Bücherkönig – ein Buch, das fesselt… ~

Nachdem ich schon vom ersten Teil der Trilogie von Akram El-Bahay begeistert war (siehe Lesungsberichte hier und hier), konnte ich es kaum abwarten, bis der zweite Teil um die Abenteuer von Sam, Kani und den Fabelwesen von Paramythia erscheint.

Und ich wurde nicht enttäuscht.

„Bücherkönig“ zieht den Leser sofort wieder in seinen Bann und die Erzähltalente von Akram El-Bahay lassen einen in die märchenhaften Welten von Mythia und Paramythia eintauchen, als ob nicht ein Tag seit dem Lesen des ersten Buches vergangen wäre.

„Märchen geben der Wirklichkeit ein neues Kleid und lenken den Blick vom Gewohnten, das nicht mehr als eine Schale ist, auf das Wesentliche.

Auf den Kern der Dinge.

Wer das nicht erkennt, sieht immer nur auf die spiegelnde Oberfläche, aber nie tiefer in den See hinein.“

(S. 35)

~ … und die Abenteuer gehen weiter… ~

Sam und seine Begleiter haben bisher schon viel Interessantes erlebt, Neues kennengelernt, Verluste erlitten – und sind dadurch nur stärker geworden. Und stärker müssen sie auch sein, denn die Fabelwesen der Gruppe, Asfura und Nushishan, wollen unbedingt mehr über ihre Vergangenheit wissen. Und Wissen ist nicht immer ungefährlich…

„Nusar verzog die Lippen zu einem freudlosen Lächeln, das seine spitzen Zähne entblößte:

‚Ich will wissen, wer ich bin. Wer mich geweckt hat. Weshalb ich gefangen war.'“

(S. 65)

Dabei müssen sie einen neuen Feind im Auge behalten, der hinter ihnen her ist, aber nicht leicht zu erkennen ist: ein Wesen aus Papier, dem Leben von der Dunkelheit eingehaucht wurde. Und dieses Wesen ist auf der Jagd…

„Der Mensch verbringt zu viel Zeit damit,

sich vor dem Ende zu ängstigen.

So viel, dass er manchmal vergisst, zu leben.“

(S. 152)

Und leben – das tun Sam und seine Gefährten.

Auf ihrer Suche nach der Wahrheit hinter den Geschehnissen in Paramythia müssen Sam, Kani und die Fabelwesen ihren Weg in die Wüste einschlagen – und auf Hilfe von ungewöhnlicher Seite bauen: Ein Blinder, der mehr vom Leben will, von den ungewöhnlichen Gefährten fasziniert ist und an die Wahrheit in Märchen glaubt.

„Jede Geschichte trägt einen Kern der Wahrheit in sich.

Manche glauben, Märchen dienten den Schwächlichen nur als Tor, um vor der rauen Wirklichkeit zu flüchten.

Wie törricht muss jemand sein, der so denkt?

Diese Narren machen sich nicht die Mühe, nach dem zu schauen, was sich im Inneren der Erzählung verbirgt.

Und wenn sie nichts auf den ersten Blick erkennen, so glauben sie ein Märchen sei leer. Doch das ist es nicht.

Es gibt das Tor zum Himmel. Und die Märchen können den Weg dorthin weisen.“

(S. 150)

Und auf dem Weg zur Wahrheit finden Sam und seine Freunde – denn das sind sie im Laufe der Zeit geworden – neue Bekannte…

~ Bahride…Wasserwesen…Freund oder Feind? ~

Als sich die Chance für die Fabelwesen bietet, ihre wahren Namen zu erfahren – zögern sie…

Nicht immer ist die Wahrheit das, was man serviert bekommt…

„Die Wahrheit.“ Umm klang abfällig.

„Was ist schon die Wahrheit?

Selbst wenn man nicht lügt, ist es immer nur der eigene Blick, den man hat.

Und der muss nicht unbedingt der richtige sein.“

(S. 138)

Es ist an der Zeit für die Fabelwesen – den Asfur, der einst eine dunkle Vergangenheit hatte – und den Nushishan, dessen verlorene Vergangenheit ebenso dunkel scheint – eigene Wege einzugehen und sich nicht von vergangenen Geschichten blenden zu lassen.

„Unser Schicksal? Wer weiß, was uns bestimmt ist?

Mir gefällt der nicht, den ihr mir gezeigt habt.

Und meinem Freund hier gefällt seine Vergangenheit ebenfalls nicht.“

(S. 198)

Nun haben die Fabelwesen rund um Sam mit einiger menschlicher Unterstützung nur noch ein Ziel: die eingesperrten Fabelwesen aus Paramythia zu befreien – zumindest so viele wie möglich.

~ Wege ins Schloss… ~

Doch noch immer ist dies ein gefahrenvolles Abenteuer und auch nach der gelungenen Befreiung einiger durch die Gefangenschaft verwirrter Asfura, Nushishan, Bahriden, Iblise und anderer steht für alle Beteiligten fest: DAS IST ERST DER ANFANG!

„Sam stand zwischen den zerbrochenen Flügeln des mächtigen Tores und blickte auf die Welt vor ihnen, während das Heer der Fabrelwesen an ihm vorbeizog.

Die Nacht war von einem einzigen Wort erfüllt.

Freiheit.

„Es ist ein weiter Weg“, sagte er.“ (S. 396)

Und ich bin gespannt auf den dritten Teil – „Bücherkrieg“ – der im nächsten Jahr erscheinen wird.

Und ebenso gespannt bin ich auf die Buchmesse in Leipzig, 2019, bei der Akram El-Bahay sicherlich wieder zu Gast sein wird und aus „Bücherkönig“ lesen wird.

~ Kommt nach Paramythia ~