Else Ury: „Nesthäkchen“ (Band 1-10, Gesamtausgabe)

Note to my english readers:

This is a typical german book, but as I found out –  there is also a recently (this year) translated english version of the books. You can find them f.e. here.

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Wenn ihr eure Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern fragt, was diese denn als Kind gelesen haben, kommt vielleicht bei einigen  der weiblichen Vertreter  der Name „Nesthäkchen“ auf.

If you maybe ask your parents, grandparents or great-grandparents what they have read when they were children, you maybe hear the name of „Nesthäkchen“.

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Auch ich habe nun einmal das Gesamtwerk bestehend aus 10 Büchern hineingeschaut.

Man kann diese Bücher mögen oder nicht – und natürlich muss man immer die damalige Zeit und ihre Verhältnisse im Hinterkopf haben.

So it was now time for me to also read all the books (10) – and you can either like the books or not – and you definitely have to have the former times in mind in which the story is set.

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Nun ein paar kleine Informationen zur Autorin der Bücher, Else Ury:

Here some short information about the author, Else Ury:

Else Ury wurde in Berlin geboren, am 01. November 1877.

Sie ist eine der vielen, die im KZ Auschwitz ihr Leben lassen mussten. Else Ury wurde in Auschwitz ermordet. Am 13. Januar 1943.

Else Ury was born in Berlin, on the November 1st, 1877. She is one of the many people who were killed at KZ Auschwitz. She was killed on January 13, 1943.

Die Autorin hat nie geheiratet und sich zeitlebens um ihre Eltern gekümmert.

She never married and lived and cared for her parents her whole life.

If you would like to get more information on the author and read some articles, below are some links you could follow.

Wer sich weitergehend – und die gefundenen Informationen sind allesamt interessant – informieren möchte, kann sich durch die folgenden Links wühlen:

Doch nun zum Buch:

Lets get back to the book:

Die Geschichte umfasst fast die komplette Lebenszeit der Titelfigur, Annemarie Braun, besser bekannt als „Nesthäkchen“. Sie lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in einer Gegend des damaligen Berlins. Der Vater ist Arzt, gut situiert und die Mutter kümmert sich um die Familie. Unterstützt werden sie von Haushälterin Hanne.

The story focusses on nearly the complete lifetime of the main character, Annemarie Braun, better known as „Nesthäkchen“. She lives with her parents and siblings in Charlottenburg, which is now a part of Berlin, but back in those times it wasn’t. The father of Annemarie is doctor and the mother is caring for her family. They have help in the house, Hanne.

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Nesthäkchen ist ein ziemlich wildes Kind, schon für damalige Verhältnisse. Sie ist dickköpfig und will immer ihren Willen durchsetzen. Allerdings hat sie auch ein gutes Herz, welches nur die richtige Erziehung und eine gewisse Strenge braucht.

Nesthäkchens Eltern haben eine ganze Menge zu tun, um ihre Jüngste zu erziehen.

Nesthäkchen is a really wild child – even at that times. She is strongwilled and is mostly used to getting her will and being the youngest in the family she definitely knows how to use this. But she also has a good heart which needs just the right upbringing and a bit of strictness.

The parents of Nesthäkchen have really a lot to do to raise their youngest one.

Das dies nicht einfach ist sieht man auch an den Episoden, wenn Nesthäkchen die Schule besucht und auch im späteren Leben ist dieser gewisse Schalk doch immer ein Teil der blonden Frau.

That this is not an easy thing is also shown in the episodes when Nesthäkchen begins going to school – and even later in life a certain part of rogue is still with the blonde woman.

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Die Geschichte rund um Annemarie Braun verfolgt den Lebensweg dieses Charakters vom kleinen Mädchen zur Jugendlichen, die ihre beruflichen Wege geht bis hin zur verheirateten alten Dame, die sich um ihre Enkel kümmert.

The story follows the path of Annemarie Braun from being a young girl to being a nearly adult, who goes for her goals to showing us a happily married old lady who takes care of her grandchildren and their problems.

During her lifetime she experiences some good but also some sad things. But everytime it is the time itself that lets her grow and share her experiences later in life.

Dabei erlebt sie allerhand schöne, aber auch traurige Dinge. Doch immerwieder ist es die Zeit, die sie wachsen und sie später auch ihre Erfahrungen weitergeben lässt.

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Die 10 Bände umfassen folgende Titel:

Here are the titles of the 10 books in the series:

  1. Nesthäkchen und ihre Puppen (Nesthäkchen and her Dolls)
  2. Nesthäkchens erstes Schuljahr (Nesthäkchens First School Year)
  3. Nesthäkchen im Kinderheim (Nesthäkchen in the Childrens Sanitorium)
  4. Nesthäkchen und der Weltkrieg (Nesthäkchen and the World War)
  5. Nesthäkckens Backfischzeit (Nesthäkchens Teenage Years)
  6. Nesthäkchen fliegt aus dem Nest (Nesthäkchen flies from the nest)
  7. Nesthäkchen und ihre Küken
  8. Nesthäkchens Jüngste
  9. Nesthäkchen und ihre Enkel
  10. Nesthäkchen im weißen Haar

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Zu meinen Leseerfahrungen kann ich folgendes sagen:

Now here’s what I can say after reading:

Sicher ist es immer etwas anderes, wenn man Bücher liest, die in einem anderen Zeitzusammenhang stehen. Dabei kann man sie lesen und fortwährend analysieren oder kritisch betrachten – oder einfach die Geschichte versuchen zu genießen.

Sure it is something different if you read books that were written in a different time than it is now. You can either read them and go through them analyzing everything and take a critical look at it – or you can just try to enjoy reading the story.

I went for option number 2 and this is the best thing to do with that amount of sites.

Ich habe mich hier für die zweite Variante entschieden und das ist bei dem Umfang der Gesamtbände auch erstmal ausreichend.

Nesthäkchen ist ein Charakter, dem ich ein bisschen zwiespältig gegenüberstehe. Manchmal ist sie etwas nervig, aber das gibt sich ja mit der Zeit. Da kann ich nur sagen, dass ihre jüngste Tochter bzw. das Kapitel über sie, die kleine Ursula, viel nerviger ist. Die Babysprache, bzw. noch nicht ausgereifte Sprachfähigkeit der Kleinen, macht das Lesen dieses Teils doch sehr anstrengend. Auch hat Ursula den Dickkopf der Mutter geerbt und das nicht zu kurz.

Nesthäkchen is a character which I am a little bit ambivalent about. Sometimes she is a little bit annoying, but that goes away with time. One thing I can definitely tell you is that her youngest daughter, Ursel, and the chapter written about her is a lot more annoying thatn Annemarie can ever get. The whole like baby-talk of the little one makes reading that part in the later story a lot harder. But nevertheless also Ursula has inherited the pighead of her mother.

Wenn dann die Sprache aller wieder erwachsener geworden ist, kann man gut weiterlesen.

Die einzelnen Probleme von Annemarie und ihrer Familie sind interessant geschildert. Sicher kann man an einigen Aspekten rummäkeln, aber an sich ist es ok.

When the language is back to normal  it is definitely a better time reading the stories.

The different problems of Annemarie and her family are  written in an interesting way. Sure Else Ury could have written things differently, but one has to keep in mind that she lived in a different time, a different political system with other ways to act and a different way to deal with opinions of a kind.

Klar, dass Else Ury vielleicht Dinge auch hätte anders schreiben können, aber sie hat ja auch in einem anderen Regime gelebt, mit anderen Verfahrensweisen und anderem Umgang mit Meinungen.

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Else Ury’s Nesthäkchen ist ein interessanter Geschichtenband, der es doch wert ist, nicht vergessen zu werden.

So Else Ury’s „Nesthäkchen“ is an interesting story which should not be forgotten.

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Habt ihr – oder eure Verwandten – die Geschichten um Annemarie Braun gelesen?

Have you – or your relatives – ever read the stories about Annemarie Braun?

~ L.M. Montgomery: „Das Schloss in den Wolken“ (orig. „The Blue Castle“) ~

Note to english-speaking readers: the english version of this article will be online in the next few days – please be patient 🙂

Als ich vor kurzem „Wunder wie diese“ gelesen hatte, dachte ich nicht, dass mir so schnell ein besseres Buch vor die Nase kommt – aber mit meinem letzten Buchkauf habe ich wohl sehr viel Glück gehabt 🙂

„Das Schloss in den Wolken“ ist ein kleines Lesejuwel, wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Viele Bücher, die ich gelesen habe, hatten das gewisse „Etwas“, aber nicht so deutlich hervortretend, wie in diesem Roman von Lucy Maud Montgomery, der im englischsprachigen Original 1926 herausgegeben wurde.

Bereits der Schutzumschlag machte mich neugierig – und ich bin für meine Neugier belohnt worden 🙂

Quelle: Presseportal des Carlsen-Verlags
Quelle: Presseportal des Carlsen-Verlags

Wer den Schutzumschlag nicht mag, könnte diesen auch abnehmen und wird mit den Blumenranken über das komplette Format begrüßt – egal wie, dieses Buch hat mich gefesselt.

Und daran lag auch das Knifflige beim Lesen – liest man lieber lange und ausgiebig, um sich richtig tief in die Geschichte ziehen zu lassen? Oder liest man in mehreren Abschnitten, um mehr vom Erleben zu haben und länger bei den Charakteren verweilen zu können?

Diese Entscheidung fiel mir manchmal nicht gerade leicht, und so habe ich das Buch doch mehrere Male weggelegt, nur um wenige Minuten danach erneut danach zu greifen und weiterzulesen…

Doch nun zum Buch selbst…

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„Hätte es an jenem Morgen im Mai nicht geregnet, hätte Valancy Stirlings Leben einen völlig anderen Verlauf genommen. Sie wäre zu Tante Wellingtons Verlobungspicknick gegangen, und Dr. Trent hätte sich nach Montreal aufgemacht. Doch es regnete, und was ihr deshalb wiederfuhr, will ich nun erzählen.“

(S. 5)

Mit diesen Worten beginnt Lucy Maud Montgomery – oder die Übersetzerin ihres Werkes – die Geschichte von Valancy Stirling.

Und diese junge Dame hat es wirklich nicht leicht im Leben – zu den damaligen Zeiten schon nicht – und würde man die Handlung in die heutige Zeit versetzen – wäre sie auch nicht glücklicher.

Als Leser wird man in Valancys kalte Wirklichkeit hineingeschmissen – und muss sich erstmal in dieser zurechtfinden. Die verschiedenen Personen, die sie im wahrsten Sinne des Wortes „ertragen“ muss und die alle irgendwie zu ihrer Familie gehören. Noch dazu kommt ihr Zimmer, welches ihren Frust nur noch vergrößert…

„Sie hatte einen Sinn für Humor, von dem niemand in ihrer Familie etwas ahnte – was im Übrigen auch für andere ihrer Eigenschaften galt. Aber das Lachen verging ihr gleich wieder, und so lag sie im Bett, ein nichtiges Häufchen Elend, lauschte dem Prasseln des Regens und beobachtete mit verdrossenem Widerwillen, wie das kalte, gnadenlose Licht in ihre hässliche, schäbige Kammer kroch.

Sie kannte die Hässlichkeit dieses Zimmers in- und auswendig – kannte und hasste sie. Der gelb gestrichene Fußboden mit dem scheußlichen gehäkelten Bettvorleger, von dem ein grotesker gehäkelter Hund sie jeden Morgen beim Aufwachen angrinste; die von alten Wasserflecken und Rissen übersähte Zimmerdecke […]“

(S.7)

Die Beschreibungen ziehen sich noch eine Weile hin und dann kommen wir auch schon zu Valancys größtem Problem: sie ist zu angepasst, spricht nie Widerworte und würde trotzdem am liebsten aus ihrer Welt entfliehen:

„Manchmal dachte Valancy, dass sie selbst ihr Zimmer etwas hübscher machen könnte, auch ohne Geld, wenn man sie nur ließe. Doch ihre Mutter hatte jeden noch so schüchternen Vorschlag abgeschmettert und Valancy beharrte nicht darauf. Valancy beharrte nie auf irgendetwas. Sie traute sich nicht. Ihre Mutter ertrug keinen Widerspruch. Wenn sie gekränkt war, gebärdete sich Mrs. Stirling tagelang wie eine beleidigte Majestät.“

(S. 8/9)

Alles in allem ist Valancys Leben also ziemlich trostlos: sie ist 29, lebt unter der Fuchtel ihrer Mutter und ihrer sonstigen Verwandtschaft und muss deren versteckten Spott und Hohn ertragen. Schließlich ist man mit 29 meistens verheiratet und hat schon eine eigene Familie gegründet, oder?

Zumindest in den Augen der damaligen Gesellschaft… und somit ist Valancys derzeitiger Status ein absolutes Versagen ihrerseits!

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Aber Valancy schafft sich Erholung in ihrem blauen Schloss.

Von diesem träumt sie schon seit sie ein kleines Mädchen war und dies ist ihre einzige Möglichkeit, mit Hilfe ihrer Fantasie ihrem tristen Leben zu entfliehen:

„Das Einzige, was ihr die Eintönigkeit ihrer Tage ertragen half, war die Aussicht, sich nachts in ihr Schloss träumen zu können. Die meisten, wenn nicht alle Stirlings wären vor Entsetzen tot umgefallen, hätten sie auch nur im Entferntesten geahnt, was Valancy in ihrem Blauen Schloss alles tat.“

(S. 10)

Zu Beginn des Buches erfahren wir ziemlich viel von Valancys Familie – ausführliche Beschreibungen von jedem Mitglied, das in der Geschichte eine Rolle spielt. Unbeliebte Tanten und Onkel werden vorgestellt und mit ihren Fehlern beurteilt.

Als Leser nimmt man unweigerlich Valancys Haltung ein und kann ihre Abneigung gegen all diese Personen förmlich spüren.

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Eine weitere Sache, die Valancy in all ihren Jahren zu Hause entwickelt hat – bzw. angerzogen bekam – ist Angst. Sie hat Angst, irgendjemanden zu verletzen, Angst, Widerworte zu geben und Angst, nicht zu gefallen. Sie ist demzufolge auch extrem angepasst und unterwürfig und behält ihre Meinung lieber für sich, als sich der herablassenden Betrachtung ihrer „Familie“ ausgesetzt zu sehen.

Noch dazu hasst Valancy es, dass ihre Familie sie ihres Namens „beraubt“ haben und sie immerzu „Doss“ rufen – eine Art Spitznamen, den sie noch nie mochte.

Aber Widerworte hat Valancy ja noch nie gegeben und so lässt sie sich weiterhin Doss nennen und bleibt gefangen in ihren anerzogenen Fesseln…

…bis sie einen Absatz eines Buches liest – und zu einem selbst gewählten Arzt geht!

„Angst ist die Ursünde. […] Nahezu alle Übel auf der Welt gehen darauf zurück, dass jemand vor etwas Angst hat. Angst ist eine kalte, glitschige Schlange, die sich um dich ringelt. Es ist schrecklich, mit Angst zu leben; und vor allen Dingen ist es entwürdigend.“

(S. 47)

Der Besuch bei Dr. Trent verläuft ganz zufriedenstellend – bis der Arzt schnellstmöglich die Stadt verlassen muss – und Valancy einige Tage später einen Brief bekommt:

„Dr. Trent teilte ihr mit, dass sie eine sehr gefährliche und tödliche Herzkrankheit habe, Angina Pectoris, allem Anschein nach verschlimmert durch ein Aneurysma (was auch immer das war) und im letzten Stadium. Er sagte schonungslos, dass man nichts dagegen tun könne. Wenn sie gut auf sich achtgebe, habe sie vielleicht noch ein Jahr zu leben, aber der Tod könne sie jederzeit ereilen.“

(S. 61)

Diese schreckliche Nachricht ist der Beginn von Valancys „neuem“ Leben – frei und ohne die Zwänge anderer!

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Was wird Valancy, die schwarzhaarige junge Frau, in diesem Jahr alles erleben?

Wie reagiert ihre starre Familie auf ihr neues Verhalten?

Was ist mit Valancys blauem Schloss?

Und was hat es mit Barney Snaith auf sich?

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Beim Lesen macht es richtig Spaß, Valancy  in ihr neues Leben zu begleiten und ihre Verwandlung zu beobachten – vom verschüchterten und verängstigen Mäuschen hin zu einer Frau, die im Leben steht, die dieses auch auskostet und nicht nur an Konventionen denkt – sondern an eben dieses Leben.

Sie hat verinnerlicht, dass man nur ein Leben hat und das Beste aus diesem machen sollte – denn es kann so schnell vorbei sein.

„Das Schloss in den Wolken“ ist ein Lesejuwel einer großartigen Schriftstellerin und sehr zu empfehlen.

Wer Lucy Maud Montgomery nicht schon längst durch ihre Bücher rund um „Anne auf Green Gables“ kennt, sollte sie mit diesem Buch kennenlernen bzw. die Bekanntschaft vertiefen!

Eine definitive Leseempfehlung für alle, die einmal komplett in einer Geschichte gefangen sein wollen und mit einem guten Gefühl eine Geschichte beenden möchten 🙂