~ Stolpersteine in München … ?!? ~

Der Künstler Gunter Demning hat sie ins Leben gerufen und in vielen deutschen Städten sind sie als Erinnerung und in Gedenken nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken:

Die Stolpersteine.

Sie erinnern an die Schicksale der Menschen, die nicht in die Ideologie der NS-Zeit hineinpassten und dafür bezahlen mussten: mit freiwilliger Ausreise, mit erzwungener Deportation und schlimmstenfalls mit dem Verlust des eigenen Lebens!

Die ca. 45.000 Steine, die sich bereits in Deutschland befinden, bestechen weder durch ihre Größe noch durch eine besondere Extravaganz. Die Betonsteine haben an ihrer Oberseite lediglich eine beschriftete Messingplatte.

Darauf finden sich die Lebensdaten sowie eine kurze Information zu den betroffenen Menschen, die das damalige NS-System auf so menschenverachtende Weise aus ihrem Leben riss.

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Ein Anliegen der Steine ist es, den Menschen ihren Namen zurückzugeben.

Und damit auch einen Teil ihrer Würde.

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Bildquelle: http://www.stolpersteine.eu/fileadmin/_processed_/csm_09_beispielbilder07_620e6564a6.jpg

Die Steine werden in Handarbeit hergestellt und durch Spenden finanziert.

Sie demonstrieren unsere Freiheit, unseren Wohnort selbst wählen zu können und befinden sich aus diesem Grund vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnort der Opfer, denen auf diese Weise besonders gedacht wird.

Und dies auf alle Fälle eindrucksvoller, als „nur“ mit deren Namen auf einer Tafel.

Es ist die Verbindung zum real geführten Leben, dass uns innehalten lässt!

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Bildquelle: http://www.stolpersteine.eu/fileadmin/_processed_/csm_04_beispielbilder04_9ea26d4b27.jpg

Auch in vielen Ländern außerhalb Deutschlands werden die Stolpersteine verlegt:

Österreich, Belgien, Frankreich, Schweiz, Italien, Niederlande, Rumänien, Russland, Ukraine, Ungarn,…

Dies macht noch einmal das Ausmaß der damaligen Verfolgung deutlich, die so viele Menschen das Leben kostete!

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Kritiken zu den Steinen gibt es natürlich auch: u.a. von Mitgliedern des Zentralrats der Juden in Deutschland, vom Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, …

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Viele deutsche Städte haben Stolpersteine verlegen lassen, u.a. Berlin, Hamburg, Leipzig, Frankfurt, Magdeburg, …

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Eine Großstadt in Deutschland kann sich mit den Stolpersteinen nicht so recht anfreunden: München.

Seit Jahren gibt es einen Streit darum, ob die Stolpersteine verlegt werden sollen oder nicht. Momentan lagern sie in einem Raum, obwohl durch ihre Verlegung vielen Menschen gedacht werden könnte, die kein so gutes Leben hatten, wie es uns heute beschieden ist.

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Meiner Meinung kommt es immer darauf an, wie mit solchen Gedenktafeln – oder generell mit erinnerungsträchtigen Dingen – in der Öffentlichkeit umgegangen wird.

Wird ein positives Gefühl vermittelt – oder werden sie gleich als „komisch“ oder „unnütz“ oder „nicht angemessen“ durch die Presse o.ä. betitelt.

Wird ein Mitgefühl für die Verstorbenen geweckt? Werden sie auch nach ihrem Tod gewürdigt – oder wird alles als „umständlich“ und „nicht machbar“ bezeichnet…

Sicher, manche Menschen laufen achtlos über die Straßenbepflasterung und haben in  ihrem hektischen Alltag keinen Kopf, um nach Erinnerungssteinen Ausschau zu halten.

Allerdings bin ich davon überzeugt, dass sich das Verhalten der Menschen ändert, sobald man sie offensiv dafür interessiert und sie informiert: über die Hintergründe der Steine und über Adressen, wo sie zu finden sind.

Das geht am besten über Einzelschicksale.

So bleibt nur zu hoffen, dass München sich bald für die Verlegung der Gedenksteine stark macht und auch dort Menschen „stolpern“.

 

Wie seht ihr das?

Habt ihr in eurer Stadt auch Stolpersteine?

Seid ihr schon einmal bewusst darauf aufmerksam geworden?

Was haltet ihr von dieser Idee des Gedenkens?

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Bildquelle: http://www.luftkurort-thalfang.de/uploads/pics/Familie_Samuel.jpg

 

Die Leipziger „Völkerschlachterei“ – eine Lesung…

Im Rahmen des 17. Leipziger Literaturherbsts war ich am 17.10. bei einer Lesung in der Leipziger Stadtbibliothek.

Der Hintergrund: 200 Jahre „Jubiläum“ Völkerschlacht zu Leipzig und das 100-jährige Bestehen des Völkerschlachtdenkmals.

 

Wie so oft in Inszenierungen von Schlachtbegebenheiten wird auch hier viel Brimborium betrieben und das Blutvergießen, dass zur damaligen Zeit herrschte, verharmlost. P1040421

Zur Lesung ein paar Worte:

Mit einer Gesamtauslastung von geschätzt 95% war der relativ große Raum im vierten Obergeschoss der Bibliothek sehr gut besetzt.

Der Raum füllt sich langsam...
Der Raum füllt sich langsam…

Mitveranstalter des Abends (der übrigens ohne Eintritt zu besuchen war) war der Arbeitskreis für vergleichende Mythologie, der seinen Sitz im „Haus des Buches“ hat.

Der Leipziger Autor wird kurz vorgestellt...
Der Leipziger Autor wird kurz vorgestellt…

Dr. Günter Gentsch stellte seine essayistische Streitschrift zur Völkerschlachterei vor und wurde im Anschluss mit viel Lob bedacht.

Er stellte Friedrich Wilhelm III. als Zögerer dar, der – bis zu seiner Verbündung mit Russland – unter enormem Handlungsdruck stand. Die Schrift wirft ein Blick auf die damalige Propaganda, die enorm zur Lenkung des Glaubens der Bevölkerung beitrug. Es wurden Dinge versprochen und vorgegaukelt, die im Nachhinein als nicht-erfüllbar entlarvt wurden.

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Der Leipziger Autor lenkt in seinem kurzen Werk einen umfassenden Blick auf alle Beteiligten der Ereignisse von 1813ff. und seine gewohnte Sprache ist den Ausführungen nur zuträglich.

Als Zuhörer vernahm man längere Sätze (mit Verschachtelungen), die an dieser Stelle gut zur Geltung kamen. Des Weiteren baute Herr Gentsch eine Vielzahl von Zitaten und anderen Literaturquellen ein, um seine Worte zu belegen. An dieser Stelle seien als Beispiel nur einmal diverse Augenzeugenberichte zu nennen.

 

Durch seine umfangreichen Schilderungen bringt er die schlimmen Tatsachen und Zustände zu Tage („Schlachterei“), die oftmals übersehen werden, wenn es um das Hervorheben der Ereignisse geht.

Günter Gentsch wirft auch einen zeitenumspannenden Blick bis in die heutige Zeit, in der das 200-jährige Gedenken an die Geschehnisse im Vordergrund steht.

Er beleuchtet den Wiener Kongress, in dem intrigiert, erpresst und gefeilscht wurde, um die jeweiligen Länderziele zu erreichen.

 

Ich als Zuhörerin komme an dieser Stelle nicht umhin zu sagen, dass ich mir eine solche Schrift bzw. solchen Enthusiasmus für ein Thema zu Zeiten meines Geschichtsunterrichts in der Schule gewünscht hätte!

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Dr. Gentsch hebt außerdem deutlich hervor, dass es seiner Ansicht nach beim Bau des Denkmals und der Feierlichkeiten zum Jahrestag mehr um das heldische Gedenken geht und weniger um das menschliche. Es werden die Mythen um den heldenhaften Sieg zelebriert und die schrecklichen Einzelschicksale, die zum Nachdenken anregen sollen, fallen meist „hintenrunter“ und werden vergessen. Seiner Ansicht nach bedarf dies einer Änderung, da es vor allem die Toten sind, denen man gedenken sollte.

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Aber wird nicht immer vieles verharmlost, um sich im Glanz des jeweiligen Ergebnisses zu sonnen?

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Neben dem gekonnten Einbau der Aussagen von Philosophen wie Nietzsche oder Cicero lenkt Herr Gentsch den Blick auch auf den Wandel in der Bedeutung des Denkmals zu verschiedenen Zeiten. Zu Zeiten der Herrschaft Hitlers wurde das Denkmal in seiner Botschaft zweckentfremdet und diente zeitweise sogar als „Weihestätte der deutsch-russischen Freundschaft“.

Heute finden in dem Gebäude Ausstellungen, Lesungen sowie Gebete und Gottesdienste statt.

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Bei all dem Rummel um die Schlacht und das Denkmal werden aber andere – ältere – und auch kulturell friedlichere Jubiläen nicht mit so viel TamTam erinnert. So wurde zum Beispiel das Jubiläum des Thomanerchores nicht so umfangreich zelebriert, obwohl dieser Knabenchor bereits seit 1212 existiert.

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 Laut dem Leipziger Autor besteht das heutige „Schlachtmarketing“ darin, am „Völki“ laut zu feiern und Volksfeste zu feiern, um vornehmlich auch das jüngere Publikum anzulocken.

Dass diese „Eventkultur“ unterschiedliche Meinungen hervorrufen kann, zeigte sich in der anschließenden Diskussion.

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Die überwiegend älteren Besucher fragten zunächst nach einer geplanten Veröffentlichung des Werkes und äußerten ihre Freude über das Vorhandensein einer solchen Streitschrift.

 

Im weiteren Gesprächsteil ging es um die Eventkultur. Wie werden heute historische Ereignisse für die jüngere Zielgruppe inszeniert, was wird gezeigt, was wird weggelassen?

Wie vermitteln historische Filme/Serien etc. die damaligen Zustände?

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Sicher ist, dass im TV keine triefend verletzten und zu Tode blutenden Schlachtopfer gezeigt werden können.

Hier stellt sich dann die Frage:

Wie lehrt man die nachwachsenden Generationen Ehrfurcht vor den historischen Geschehnissen und ihren Opfern zu haben? Ist dies eher Aufgabe der Eltern, sich um die emotionale Reife ihrer Kinder zu kümmern oder hat hier auch die Schule einen Auftrag, sich im Geschichtsunterricht oder anderen Schulfächern um die emotionale Erziehung und Bildung zu kümmern?

Ich bin der Auffassung, beide Institutionen – sowohl das Elternhaus als auch die Schule haben diese Aufgabe zu erfüllen. Nicht nur im Rahmen des schulischen Lehrplans sondern auch im Rahmen der außerschulischen Bildung.

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Als letzten großen Diskussionsteil im Rahmen der Lesung ging es um Napoleon, der nach Aussagen der Anwesenden „im zweiten Lebensteil die Bodenhaftung verloren hat.“

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Auch ging es um die Größe des Denkmals, die an Großmannssucht erinnert. Das Denkmal spricht nicht von den Toten der Schlacht sondern von den „Heldentaten“ und sendet somit auch eine ganz andere Botschaft aus als zum Beispiel das Denkmal der russischen Bevölkerung zur Völkerschlacht, welches ganz in der Nähe steht: eine Kirche.

Zu Ende des Vortrags tat sich – als Zusammenfassung sozusagen – folgende Frage auf:

 

Wie kann man eine Gedenkkultur entwickeln, die auf menschlichem Erinnern und Emotionen basiert?

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