~ Eva Stachniak: „Der Winterpalast“ / „The Winterpalace“ ~

Spione. Immer und überall gab es sie – und wird sie auch in Zukunft geben.

Spies. Forever and always they have been working – in the past and definitely in the future.

„Spione bleiben normalerweise unsichtbar, außer sie werden enttarnt, oder sie treten freiwillig ans Licht der Öffentlichkeit. Die Ersteren waren so töricht, verräterische Spuren zu hinterlassen, die Letzteren haben ihre eigenen Gründe, sich zu offenbaren.“

(S. 11)

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Was passiert, wenn man als Spionin sein Misstrauen verliert und menschliches Vertrauen entgegenbringt?

Lauern überall Verräter – wem kann und darf man noch vertrauen?

What happens, if – as a spy – you loose your distrust and give trust?

Are the traitors everywhere? Whom can you trust – and whom should you?

***

Diese Fragen stellt sich die junge Warwara nicht, als sie als Tochter eines polnischen Buchbinders und einer verarmten Adligen geboren wurde, ihre Kindheit erlebte und nach Sankt Petersburg kam. Ihr Vater hatte dort gute Aufträge und arbeitete auch für Kaiserin Anna.

These are no questions for young Warwara when the daughter of a polish bookbinder and an impoverished aristocratic was born and lived through her childhood and then came to Sankt Petersburg. Her father had many orders on hand and also worked for emperess Anna.

Die spätere russische Kaiserin Elisabeth nahm Warwara nach dem Tod ihres Vaters unter ihre Fittiche und nach einer anfänglich sehr schlimmen Zeit für Warwara wird sie zur „Zunge“ – zur Informantin im Auftrag verschiedener Herren. Sie spioniert anfangs noch für ihren Lehrer, den Kanzler des Reiches, später für die Kaiserin selbst und die Großfürstin Katharina. Der ehemaligen Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst soll sich die junge Warwara nähern und ihre „Freundschaft“ anbieten.

The new emperess – Elisabeth – is looking after Warwara after her father died. Nevertheless the young woman had a horrible time until she is trained to be a „tongue“ – a spy by order of many. First she spied for her teacher – the chancellor of Russia, later on for the emperess herself – and for the grand duchess Katharina. The former princess Sophie of Anhalt-Zerbst should become „friends“ with Warwara – and she will have to do her job.

 

„Du könntest ihre Freundin werden, hatte die Kaiserin im Januar gesagt, als wir auf die Ankunft der Prinzessin warteten. […] Ist das der Grund, warum ich zum ersten Mal sehenden Auges gegen alle Gebote handelte?“

(S. 97/ 105)

 

Warwara ist nicht mehr nur die Spionin, die stur ihre Informantenaufgabe erledigt – sie hat Sehnsucht nach Vertrauen – auch wenn es nur ein flüchtiges Gefühl sein sollte. Sie beginnt, sich wichtig zu fühlen und natürlich wird ihr auch ein bestimmtes Vertrauensgefühl von ihren Auftraggebern entgegengebracht.

Aber wie zerbrechlich dieses Vertrauen und ihre Stellung ist, soll Warwara noch früh genug erfahren…

Warwara is no longer just the spy who does his job – she longs for trust – even if it is a fleeting feeling. She begins to feel important and definitely she is trusted by her clients.

But she soon learns how fragile this trust is …

 

Warwara wird auf Befehl der Kaiserin Elisabeth mit einem Soldaten verheiratet und sie ist mehrere Male nah dran, das ihr entgegengebrachte „Vertrauen“ zu verlieren. Doch sie fängt sich immer wieder und denkt, sie tue das Richtige.

Rückblickend wird ihr jedoch bewusst, dass sie nie eine wirkliche „Vertraute“ von Katharina war, sondern nur eine von vielen…

Warwara is married to a soldier – by the wish of Emperess Elisabeth and she nearly looses the „trust“ of her clients. But she always falls on her feet and thinks she is doing the right thing.

In Retrospective she sees things clearer and is more aware than ever that she was not a real „confidante“ but only one of many…

„Drei Personen, die immer um sie sind und nichts voneinander wissen, berichten mir, was vorgeht, und werden mich unfehlbar davon in Kenntnis setzen, wenn der entscheidende Moment gekommen ist.

(S. 9/ Brief Katharina an den britischen Gesandten am Hofe von Kaiserin Elisabeth)

 

* Wie ergeht es den Kindern von Warwara – und Katharina? What happens to the children of Warwara and Katharina?

* Welche Intrigen und Machenschaften werden am russischen Zarenhof gesponnen? What kind of intrigues are made at the royal court?

***

Eva Stachniak zeigt uns in „Der Winterpalast“ eine spannende Geschichte, mit vielen Details und historischen Persönlichkeiten, die sich zu einem farbenprächtigen Bild verbinden.

Eine Zeit, die von Umbrüchen gezeichnet ist, von dem Wunsch der Herrscher, zu strahlen und dem Wunsch der Bediensteten, zu gefallen.

Wir werden durch den wunderbaren Schreibstil tief hineingezogen in diese Geschichte, die mit „Die Zarin der Nacht“ eine Fortsetzung findet.

Mir fiel es unglaublich schwer, diesen historischen Roman aus der Hand zu legen – aber man braucht ja auch mal eine Pause.

Ich habe „Der Winterpalast“ regelrecht verschlungen und kann auch jedem nur halbwegs Interessierten diese Geschichte ans Herz legen.

Hier kann  man eine kurze Leseprobe erhalten.

Ich freue mich, wenn ihr mir eure Gedanken zum Buch mitteilt und ob es euch gefallen hat.

~ Katy Simpson Smith: „Eine Geschichte von Land und Meer“ / „The Story of Land and Sea“

„Wenn sich im August an manchen Tagen der Sturm in die Küste von North Carolina verbeißt, schleift er eine Matratze in die Diele und erzählt seiner Tochter Geschichten von ihrer Mutter, wahre und unwahre.“

(S. 11)

In ihrem ersten Roman erzählt die Autorin Katy Simpson Smith eine weitreichende Geschichte angefüllt mit Träumen, Wünschen, der Realität und Fragen. Fragen nach dem „Warum“, nach der Art zu Leben, nach dem Leben an sich – und mit der Frage nach der eigenen Lebensgestaltung.

In her first novel the author Katy Simpson Smith tells a wide story filled with dreams, hopes, the reality and questions. Questions about the „Why“, the art of living, the living at itself – and with the question of the own life.

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„Eine Geschichte von Land und Meer“ erzählt vom Leben mehrerer Generationen, die alle ihre Probleme und Sorgen haben. Die Geschichte erzählt von Helen, die sich in den Soldaten John verliebt und gegen den Willen ihres Vaters mit ihm hinaus aufs Meer fährt. Sie erzählt auch die Geschichte von Helens Tochter Tabitha, die die träumerische Seite der Mutter geerbt hat und – genau wie sie – ihrem Schicksal nicht entfliehen kann. Auch sie beginnt eine Reise aufs Meer – mit Hoffnungen und Wünschen – auch von Seiten ihres Vaters her.

„The Story of Land and Sea“ narrates of the life of many generations, who all have their problems and troubles. The story tells about Helen, who falls in love with the soldier named John and leaves her home. It tells the story about Helen’s daughter Tabitha, who has inherited the dreamy side of her mother and who – just like her mother – can’t run away from fate. She, too, begins a journey to the sea – with hopes and wishes – also from her father’s side.

Aber wir haben in der Geschichte auch die Realität: die Zeit (1793/94 und zeitiger), in der Sklaven gehalten wurden, die keine eigenen Rechte hatten.

In dieser Realität machen wir die Bekanntschaft von Moll, die als junges Mädchen zu Helens Familie kam.

But in this story we also have the reality: the time around 1793, when the white man had slaves whith no own rights.

In this reality we get to know a girl named Moll who came as a present to Helen’s family.

„Zu ihrem zehnten Geburtstag bekommt sie ein Mädchen namens Moll geschenkt, das mit blauen Bändern im Haar in der Ecke steht. Nachdem ihr Vater gegangen ist, starrt Helen das Kind an und wünscht sich, sie hätte stattdessen die Bänder bekommen. […] Sie weiß nicht recht, was sie mit einem Negermädchen anfangen soll, außer sie herumkommandieren.“

(S. 89)

Wir sind als Leser Beobachter der Geschehnisse, die sich über die Jahre ereignen. Wir erleben, wie sich Helen als Lehrerin bei den Sklaven betätigt, ihrem Vater bei den Geschäften hilft und trotzdem ein unerfülltes Leben hat. Wir tauchen ein wenig ein in die Zeit und nehmen die guten und weniger guten Dinge war.

Wir erleben mit, wie die Charaktere älter werden und wie die Jahre vergehen. Hoffnungen werden enttäuscht und Träume von einem besseren Leben zerstört.

We as readers are observers of the stories who are told over years. We get to see how Helen works as a teacher with the slaves, helps her father with the business and – however – feels like her life is not fullfilled. We get to experience the time a little bit – the good times and the bad ones.

We get to see how the characters get older and the years pass by. Hopes and dreams that got disappointed…

Allerdings erfahren wir auch Hoffnung in diesem Buch. Die Hoffnung, auf einen Neuanfang und die Hoffnung auf ein komplett neues Leben, ein freies Leben. Und wir erleben, wie man auch im Alter Neues lernen kann und eine Art Lebenswandel gestaltet.

But – nevertheless – we also got to see hope. Hope of a new beginning and hope for a completely new life. And we see that it is possible to learn new things in an older age and have a little change of life.

„Er wird mit der Angel und den Rudern – abschmirgeln wird er sie ein andermal – hinunter zum Boot gehen und sich eine Mahlzeit angeln. Er wird selbst für seine Rettung sorgen müssen.“

(S. 313)

Und dennoch, trotz allem, lässt uns dieser „Epos in Kurzform“ mit einem melancholischen Gefühl zurück.

But still – this short epos is leaving us with a melancholic feeling.

***

„Das Meer wird auch morgen noch da sein.“

(S. 317)