~ Stefan Zweig: „Marie Antoinette…“

„… Bildnis eines mittleren Charakters“ – so heisst es in der Untertitelung zu diesem schönen Buch, welches ich mir vor einiger Zeit von der Buchmesse Leipzig mitgebracht habe. Natürlich stammt es aus dem Antiquariatsbereich –  und ist sogar eine ungekürzte Sonderausgabe (Erstausgabe) aus dem Jahr 1953.

 

Da ich schon immer ein Interesse an der Person Marie-Antoinette hatte (seit ich damals „Lady Oscar“ geschaut habe), hab ich natürlich auch schon einige fiktionale und nicht-fiktionale Titel gelesen.

Zu den bei mir „wohnenden“ Titeln gehören u.a.:

* Königsthron und Guillotine

* Décadence

* Die Lilie von Versailles

und

* die Biographie Marie-Antoinettes von Antonia Fraser.

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Nun bin ich auch fast mit Stefan Zweigs Buch am Ende angelangt und bin begeistert.

Schon zu Beginn hat er im Titel die ehemalige Königin und ihren Titel relativiert und auch ihren Charakter unter die Lupe genommen.

Dank Zweigs wunderbarer Sprache ist dieses Buch ein wahres Lesevergnügen!

„Die seelische Wahrheit liegt hier wie meist in der Nähe der Mitte. Marie Antoinette war weder die große Heilige des Royalismus noch die Dirne, die „grue“ der Revolution, sondern ein mittlerer Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, nicht Feuer und nicht Eis, ohne besondere Kraft zum Guten und ohne den geringsten Willen zum Bösen, die Durchschnittsfrau von gestern, heute und morgen, ohne Neigung zum Dämonischen, ohne Willen zum Heroischen und scheinbar darum kaum Gegenstand einer Tragödie.“

(S. 5/6)

Stefan Zweig zeichnet den Lebensweg Marie Antoinettes nach, von ihrer Kindheit und dem Abschied vom Heimatland in jungen Jahren über ihre ersten Jahre als Königin bis hin zu den verhängnisvollen Tagen ihres Fluchtversuchs und ihrem Tod.

Natürlich bleibt er seinen Relativierungen treu und betrachtet die unterschiedlichen Vorkommnisse aus unterschiedlichen Perspektiven.

Es werden die Probleme der jungen zukünftigen Regentin aufgezeigt: dass sie sich nicht konzentrieren kann; dass sie sich lieber vergnügt, als sich um ihr Land zu kümmern; dass sie zur Verschwendungssucht neigt – aber Zweig blickt auch auf die Gründe für dieses Verhalten. Ein 15-jähriges Mädchen wird aus ihrem Umfeld gerissen, hat keine echten Freunde und wird von den falschen Personen „gelenkt“. Dazu kommt dann noch ihr Ehemann, der nicht nur träge erscheint, sondern sich auch nicht so recht für sie zu interessieren scheint. Auch seine physischen Nachteile in dieser Hinsicht werden beleuchtet.

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Mit seiner Sprache und seiner umfassenden – ja man kann sagen – Berichterstattung schafft es Stefan Zweig, dass der Leser vollkommen in der Welt des 18. Jahrhunderts eintaucht und die Handlungsweise und Motivation der Königin zu verstehen.

„Ein Donnerschlag muss niederknattern, um Marie-Antoinette aus ihrem hochmütig indifferenten „laissez-aller“ aufzuschrecken. Jetzt ist sie wach, jetzt beginnt die schlecht Beratene und jedem rechtzeitigen Rat Verschlossene zu begreifen, was sie versäumt hat, und mit der ihr eigenen nervösen Plötzlichkeit beeilt sie sich, die aufreizendsten ihrer Fehler sichtlich gutzumachen.  […] Zum ersten Mal lebt Marie-Antoinette mit offenem Ohr, zum erstenmal gehorcht sie nicht der alten Macht, der Gesellschaftsmode, sondern der neuen: der öffentlichen Meinung.“

(S. 237)

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Auch wirft Zweig – sehr zu meiner Freude – einen Blick auf den Geliebten der Königin – ihren wohl einzigen wahren Freund, der sie leider nicht retten konnte: Graf von Fersen.

Es wurde lange Zeit spekuliert, ob sie wirklich intime Geliebte waren oder nicht. Diesen Fakt relativiert Stefan Zweig nicht, da es untrügliche Beweise für ihre Verbindung gibt.

Sie waren Seelenverwandte und treue Freunde – bis über den Tod hinaus. Allerdings macht Zweig auch deutlich, dass der Tod der geliebten Frau dem Schweden allen Lebensmut entzogen und seinen Charakter verändert hat.

(Diese Tatsache wird auch in „Lady Oscar“ angesprochen und ich fand ihre Liebesgeschichte immer sehr gut dargestellt.)

„Bis Mitternacht bleibt Fersen im Palast. […]

Dann kommt das Schwerste dieser dreißig Stunden, sie müssen Abschied nehmen.

Beide wollen sie es nicht wahr haben, beide ahnen sie untrüglich:

Nie mehr! Nie mehr in diesem Leben! […]“ (S. 395)

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„Nach dem Tode Marie-Antoinettes wird Fersen ein unfreundlicher, ein harter Mann.

Ungerecht und kalt scheint ihm die Welt, unsinnig das Leben, sein politischer, sein diplomatischer Ehrgeiz ist völlig zu Ende. […] … immer wieder taucht in seinem Tagebuch ein Beweis dafür auf, wie sehr der Liebende im Letzten nur dem geliebten Schatten lebt.

Am 16. Oktober, ihrem Todestag, heißt es noch nach Jahren: „Dieser Tag ist für mich ein Tag der Ehrfurcht. Ich habe niemals vergessen können, was ich verloren habe, mein Bedauern wird so lange leben wie ich selber.“

(S. 532)

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Stefan Zweigs Buch ist ein Juwel für alle, die sich mit der Person der Marie Antoinette beschäftigen wollen. Es zeigt viele Facetten der Personen, die für die Geschichte und ihren Fortgang wichtig waren – mit ihren Fehlern und Charakterschwächen.

Wären einige Dinge anders gelaufen und die Charaktereigenschaften manchmal weniger ausgeprägt gewesen – vielleicht hätte Marie Antoinette noch einige Jahre mehr gelebt.

Wahrscheinlich nicht in Frankreich, aber sie hätte ihr Leben gehabt. Und ihrem Ehemann, Ludwig XVI, hätte ein ruhiges Landleben sowieso besser zu Gesicht gestanden, als seine ungeliebte Tätigkeit als König dieses Landes, dass sich schließlich gegen ihn wendet.

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Von der Favoritin des Königs zum Opfer der Guillotine: Madame Dubarry

Meine erste Begegnung mit dem Charakter der Gräfin Dubarry erfolgte in jüngeren Jahren, als ich die Geschichte von „Lady Oscar“ gebannt im Fernsehen verfolgte.  Damals waren hochwertige Animeserien noch nicht Mangelware und die Sender strahlten auch lehrreiche Kinderunterhaltung aus. (Nichts gegen „Löwenzahn“ oder „Wissen macht ah“ oder so.)

In „Lady Oscar“ wurde Madame Dubarry als geldgierige Mätresse gezeigt, die den damaligen französischen König Ludwig XV. zwar geliebt hat, jedoch im Gegensatz zu Marie-Antoinette und Oscar einen ziemlich negativen Charakter darstellte.

Bildquelle: http://www.ladyoscar.ch/illustration/ilu3.jpg
Bildquelle: http://www.ladyoscar.ch/illustration/ilu40.jpg

Damals war ich mehr am Charakter der Marie-Antoinette interessiert und habe auch diverse Bücher über sie geradezu verschlungen.

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Als ich nun auf der diesjährigen Buchmesse im „Antiquarienviertel“ auf eine Ausgabe von Joan Haslips Buch „Madame Dubarry: Die Märchenhafte Karriere der Jeanne Becú, Mätresse am Hofe Ludwigs XV.“ von Kiepenheuer & Witsch aus dem Jahre 1994 stieß, wusste ich sofort, dass es in meinen Besitz übergehen würde. (Natürlich fand ich auch ein älteres Buch über Marie-Antoinette, welches ebenfalls ein neues Zuhause fand.)

Die 1994 verstorbene Autorin schrieb viele biografische Bücher, u.a. über Marie-Antoinette, Lucrezia Borgia, Katharina die Große und Lady Hester Stanhope.

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Es war ein regelrechtes Vergnügen, nach einem Krimi aus der heutigen Zeit in die Welt des vergangenen Frankreichs einzutauchen und diese Frau durch die Lektüre näher kennenzulernen: eine Frau, die der Mätresse Madame Pompadour folgte und eine kurze Zeit lang einen ebenso großen Einfluss hatte wie die vorherige Favoritin des Königs.

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Geboren wurde die zukünftige Schönheit am 19. April 1743 und erhielt den Namen Jeanne. Ihre Kindheit war nicht besonders rosig. Ihre Tanten mieden Jeannes Mutter, Anne Becú, da sie um ihren Ruf fürchteten. Anne Becú war ein freier Geist, der sich lieber mit Näharbeiten über Wasser hielt, als edlen Herren und Damen zu dienen.

Jeanne bekommt durch Zufälle der Zeit Gelegenheit, in einem luxuriösen Haus zu leben und lernt dort die italienische Mätresse Francesca kennen. Während dieser Zeit bildete sich ihre Vorliebe für extravagantes Mobiliar und Schmuck heraus.

Als Jeannes Mutter heiratet, ändert sich das Leben des kleinen Mädchens – fortan lebt sie im Kloster Saint Aure – die nächsten sechs Jahre.

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Joan Haslip zeichnet ein Rundumbild von einer Frau, die die damalige Männer- und Frauenwelt faszinierte und sich sowohl Freunde als auch Feinde machte.

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Im ersten Teil (vor einer kleinen Bildserie) zeichnet sie den Weg der Dubarry nach – von ihren Anfängen über das Kennenlernen des Königs bis hin zu seinem Pockentod und ihrer Verbannung als Staatsgefangene in die Abtei Pont aux Dames. (Dabei wird natürlich auch ein Blick auf ihr Verhältnis zu diversen bekannten Charakteren dieser Zeit beleuchtet – natürlich war Madame Dubarry nicht immer zu allen nett, aber sie hat sich ihren „Bauernmädchencharakter“ bis zum Schluss bewahrt und war nie absichtlich „böse“)

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Hier wird auch auf ihren (zur damaligen Zeit und in dieser Situation) gelebten „Heldenmut“ eingegangen, der ebenfalls in „Lady Oscar“ zu sehen ist: sie bleibt bei Ludwig XV., selbst als klar war, dass dieser an den ansteckenden Pocken erkrankt war und selbst seine Töchter nicht zu ihm gelassen werden.

Sein Tod beendet ihr Leben am Versailler Hof.

Bildquelle: http://www.ladyoscar.ch/illustration/ilu41.jpg

Im zweiten Teil erfahren wir als Leser, wie sich Jeanne Dubarry im Angesicht von fortschreitendem Alter und neuen Bekanntschaften durchs Leben schlägt. Sie muss in den Wirren der französischen Revolution viele Verluste hinnehmen. Auch erkennt sie – zu spät – dass nicht alle ihrer Bediensteten, die sie noch unterhalten kann (trotz hoher Schulden), ihr wohlgesonnen sind.

Zu vielen Menschen war sie großzügig und hat ihnen in schweren Zeiten geholfen, selbst als es ihr fast selbst nicht möglich war, ordentlich zu leben.

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Sie verliert Freunde und auch nicht so enge Bekannte an die „neuen“ Herrscher und auch ihr Gönner und Liebhaber, den sie aufrichtig geliebt hat, wird ein Opfer der Zeit.

Doch Jeanne Dubarry versucht, ihr Leben weiterzuleben – ganz wie sie es gewohnt war – manchmal leichtsinnig aber doch immer mit einem gewissen Charme und einem unzerstörbaren Lebenswillen.

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Bis sie zuletzt ein Opfer der Revolutionsgesellschaft wird und eines der letzten Opfer der Guillotine…

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Jeanne Dubarry – eine manchmal missverstandene Frau, die eigentlich nur geliebt werden wollte…

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