~ Deborah Feldman: „Unorthodox“ ~

Notes to my english-speaking-readers: the english version of this article will be online in a few days – so keep coming back and stay interested 🙂

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Nachdem ich auf der Leipziger Buchmesse dieses Jahr einen kurzen Einblick in Deborah Feldmans biografischen Roman erhalten habe, ist dieses Buch mit der einfachen und doch edlen Gestaltung mit zu mir nach Hause gekommen.

Nun habe ich es endlich vollständig gelesen 🙂

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„Der Unfall geschah, als die Uhr Mitternacht schlug, als das Datum umschlug auf den 09.09.09. Neun, das war es, was der Kabbalist zu mir gesagt hatter; neun, die Zahl des Todes und der Wiedergeburt, des Endes und Neuanfangs, das war das Zeichen, auf das ich zu achten hatte.

Ich werde wohl immer auf diesen Tag zurückblicken als jenen, der mein Leben in zwei teilte.“

(Seite 303)

Ab diesem Zeitpunkt – trotz eines schweren Autounfalls – ist das Leben von Deborah Feldman ein anderes – ein glücklicheres.

In „Unorthodox“ erzählt sie ihre Geschichte. Aufgewachsen in einer chassidischen Satmar“sekte“ könnte man schon fast sagen, war sie immer unzufrieden mit ihren Lebensumständen und sehnte sich immer nach Normalität.

Der Normalität, die für uns genau das ist: normal. Normale, modische Kleidung tragen, ungehindert Bücher lesen, die Welt außerhalb des eigenen Lebensumfeldes erkunden, normale Freunde haben und normale Gespräche führen.

All das war für Deborah in den ersten 23 Jahren ihres Lebens fast unmöglich.

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Als Hintergrund muss man allerdings wissen, dass ihre Vorfahren die Greueltaten des Holocaust überlebt haben. Natürlich trägt man da einige seelische und/ oder körperliche Wunden mit sich durchs Leben, die einen nie ganz verlassen werden.

„Bubby fragt mich nie, wie ich in der Schule bin. Sie will sich nicht mit meinen Leistungen beschäftigen. Es ist beinahe so, als wollte sie eigentlich gar nicht wissen, wer ich wirklich bin. Sie verhält sich bei allen so. Ich glaube, das liegt daran, dass ihre ganze Familie in den Konzentrationslagern umgebracht worden war und sie nun nicht mehr die Energie aufbringen kann, sich mit anderen Menschen emotional zu verbinden.“

Deborah Feldman erzählt von dem Leben, dass sie geführt hat; wie sie zunächst bei ihrer Tante lebte und später dann bei ihren Großeltern; sie erzählt von jüdischen Festen und Bräuchen. Dabei merkt man, dass sie manche Vorgehensweisen und Erziehungsmethoden schon von klein auf in Frage stellt und ihre Zuflucht in Büchern sucht, die sie allerdings versteckt halten muss.

Apropos Bücher: noch etwas Schönes an diesem Buch sind die Anfänge der einzelnen Kapitel, die durch Buchzitate gekennzeichnet sind. Zitate, die das Wesen und die Wünsche der Autorin ebenfalls widerspiegeln.

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Das Leben der jungen Deborah ist angefüllt mit Ängsten: Angst vor Verfehlungen, Angst davor, bei eventuellen Fehltritten entdeckt zu werden, Angst vor der Verwandtschaft:

„Und Chaya hat von allen in meiner Familie das meiste Mitgefühl für mein spirituelles Wohlergehen. Wann immer sie Bubby besucht, beäugt sie mich mit Argusaugen, weist alle fünf Minuten darauf hin, was ich alles falsch mache. Mein Herz schlägt schneller, wenn ich in ihrer Nähe bin; sein Rhythmus pocht laut in meinen Ohren, übertönt den Klang ihrer Stimme. Es ist nicht so, dass niemand sonst in der Familie mich kritisieren würde. Tante Rachel schaut mich immer so an, als wäre Schmutz auf meinem Gesicht, den ich vergessen hätte abzuwaschen, und Onkel Sinai schlägt mir auf den Kopf, wenn ich ihm im Weg bin.“

(S. 23)

Auch in den Kapitelüberschriften, wie z.B. „Die Minderwertigkeit meines Bekanntenkreises“ zeigt sich, wie sehr Deborah sich von ihren chassidischen Wurzeln entfernt hat und welchen Blick sie auf das damalige Geschehen hatte. Zwar werden ihre Wurzeln immer in diesem Satmarer-Umfeld liegen, jedoch war sie diejenige, die mit einem eigenen Blick auf alles gelebt hat und nicht in ein unterwürfiges und „übergläubiges“ Verhalten verfiel.

„Nur noch zwei Minuten bis Mitternacht.

Wie sinnlos es erscheint, wenn ich sehe, wie meine Freundinnen ihre Glieder verrenken, ihren Hals verdrehen, um eine bessere Aussicht zu ergattern; wie zutiefst lächerlich, so viel Energie für ein kleines Guckloch aufzuwenden, nur um einen Blick auf einen alten Mann zu werfen, der mit einer Schriftrolle vor- und zurückwippt. […] Auch wenn ich nicht die Leidenschaft der Masse aufbringen kann, weiß ich doch, dass ich versunken erscheinen muss in diesen Vorgang; wie sonst könnte ich mein Stoßen und Schieben rechtfertigen, mit dem ich nach vorne zu gelangen versuche, wenn es sich nicht darum drehen würde, ein gewisses Maß der göttlichen Ekstase aufzusaugen?“

(S. 104/105)

Als Deborah im „richtigen“ Alter ist, wird sie mit einem jungen Mann verkuppelt. Keine eigene Bestimmung des Mannes, mit dem sie ihr Leben teilen soll, keine Wahlmöglichkeit. Die älteren Verwandten haben alles arrangiert und Deborah hat sich zu fügen. Sie lernt Eli kurz kennen, nachdem alles vereinbart ist und es quasi kein Zurück gibt, ohne nicht alle Parteien vor den Kopf zu stoßen.

Noch hat Deborah Hoffnung auf ein Leben, was ein wenig lockerer laufen kann als jenes, was sie bisher gelebt hat. Darüber spricht sie auch mit ihrer Freundin Mindy, die bis dato ein relativ entspanntes und freies Leben hatte. Allerdings steht nun auch sie vor der Verheiratung:

„Die meisten Frauen, die ich kenne, führen nach ihrer Hochzeit dasselbe Leben, das sie zuvor auch schon geführt haben. […] Für Frauen wie Mindy und mich aber wird dieses Leben nicht genug sein. Besonders für Mindy nicht. Sie wird sich niemals einrichten und nur Hausfrau sein. […] Mindys Heirat wurde ein Jahr später arrangiert, und wie alle ihre Schwestern heiratete auch sie einen tiefreligiösen Mann. […] Sie hörte auf zu lesen und beschäftigte sich damit, Kinder zu bekommen. Das letzte Mal, als ich sie sah, bevor wir uns dann auseinanderlebten, hatte sie bereits drei Kinder zur Welt gebracht und war mit dem vierten schwanger. […] ‚Gott will es so‘, sagte sie und nickte verlegen.“

(S. 170/171)

Auch nach ihrer eigenen Hochzeit ist für Deborah nicht alles golden – im Gegenteil. Schnell merkt sie, dass sie eigentlich von ihrem Mann nur auf das „Notwendigste“ reduziert wird: Frauen sind dazu da, den Haushalt zu führen, Kinder zu bekommen und dem Mann ‚Untertan‘ zu sein.

Natürlich – auf Grund der fehlenden Aufklärung – gibt es Schwierigkeiten beim Vollzug der Ehe und auch später noch. Trotz aller Schwierigkeiten bringt Deborah einen gesunden Jungen zur Welt – hat aber später erneut gesundheitliche Probleme:

„Mich beschleicht plötzlich das Gefühl, dass ich in dieser Ehe nicht die einzige sein könnte, die Geheimnisse hat. […] Aber selbst als ich die Möglichkeit erwäge, Eli könnte mich betrügen, wird mir zugleich klar, dass mir das nichts ausmacht. Wenn ihn etwas ablenkt, kann das nur zu meinem Vorteil sein. Freiheit von Elis wachsamen Augen könnte mir eine bessere Zukunft verschaffen.“

(S. 268)

Ihr weiteres Leben ist ein Inbegriff von Schritten in Richtung eigenständiges und freies Leben: sie geht ans Sarah Lawrence College; fängt an, ihre Gedanken in einem Blog festzuhalten; kleidet sich modischer;…

Und dann kommt der Weckruf in ihr weiteres Leben:

„Eli kommt, um mich im Krankenhaus zu besuchen, und ich bin wütend auf ihn. Er hatte mir gesagt, dass die Reifen des Wagens abgefahren waren, hatte sich aber geweigert, sie auswechseln zu lassen. Er behauptete, er könne es sich nicht leisten. ‚Aber du konntest es dir leisten, mich zu verlieren?‘ […] Aber Eli zeigt keine Gewissensbisse. Er weigert sich, für den Unfall irgendeine Verantwortung zu übernehmen.“

(S. 303)

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Natürlich gibt es auch viele andere Stimmen, die Deborah Feldman als Lügnerin bezeichnen und ihre Geschichte als unwahr.

Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass sie eine Frau ist, die sich den Wunsch nach einem eigenständigen Leben erfüllt hat und Hindernisse bewältigt hat. Und das ist, was zählt.

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